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Vorwort
Wer heute erwerbslos wird, ist nicht zu beneiden. Er wird bewusst gedemütigt, bevormundet und instrumentalisiert.
Das Schlimme ist: Das hat Methode und soll so sein.
Einmal zum Ansporn der Betroffenen. Zum anderen zur Abschreckung der noch arbeitenden Bevölkerung.
Das wollen unsere Volksvertreter so, damit die Vermögenden zunehmend rechtlose Arbeitnehmer
bekommen und weiterhin gut verdienen können. Entsprechend werden unsere Gesetze daraufhin seit Jahren ausgerichtet. (SGB II etc.)
Natürlich hat das Auswirkungen auf die Strukturen in dieser Gesellschaft, die entsprechend den Zielen ausgerichtet werden.
Dafür bedarf es willfährige Helfer und Helfershelfer die sich anscheinend mühelos finden lassen.
Dummerweise bin ich deren Opfer. Dies ist also meine Geschichte. Hier beschreibe ich meine Erfahrungen mit der kranken Überzeugung
unserer neoliberal geprägten Volksvertreter, in dieser Gesellschaft müsse es auf Teufel komm raus wieder Vollbeschäftigung geben.
Dafür wird die Statistik gefälscht bis zum geht nicht mehr, um die Arbeitslosigkeit auf dem Papier so weit wie möglich nach unten zu drücken.
Neben der Weiterbildungsindustrie als dem einen Instrument, ist der Workfare-State, den unsere Wirtschaftsführer bevorzugen und von den Politikern etablieren lassen, ein weiterer
Ansatzpunkt die Erwerbslosenzahl zu reduzieren.
Dieser sogenannte dritte Arbeitsmarkt soll diejenigen aufnehmen, die in einer hochproduktiven Arbeitswelt nicht gebraucht werden oder den Sprung in den ersten
Arbeitsmarkt auch mit einer finanziellen Unterstützung des Staates, des sogenannten zweiten Arbeitsmarktes nicht hinbekommen.
Sie sollen zukünftig nur noch rechtlos für ihr Existenzminimum dienlich sein.
Bei Beschäftigungsträgern. Wie die heutigen Ein-Euro-Jobber - jedoch auf Dauer, also unbegrenzt - nicht wie heute befristet.
Dann gibt es keine Arbeitslosen mehr die ungeschäftig herumsitzen und das Stadtbild beeinträchtigen.
Mit der Errichtung von Armen- und Arbeitshäusern Anfang des 17. Jahrhunderts in einigen größeren deutschen Städten verfolgten die Wohlhabenden
damals ebenfalls das Ziel die verelendeten Arbeitslosen aus deren Blickfeld zu schaffen. Denn das Elend, welches für sie nicht sichtbar war, war für sie auch nicht existent.
Mein Fazit: Das wird nicht gut ausgehen.
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Erinnerungen an „damals“.
Weißt Du noch, wie das damals war? Beim Arbeitsamt?
Der ein oder andere, zumindest wenn er selbst einmal arbeitslos wurde im Laufe seines Erwerbslebens, hatte
in den frühen 1980er Jahren einmal das Arbeitsamt besucht und wird sich erinnern.
In der Regel waren dies große Gebäude, oft aus Backsteinen, mit langen Linoleumgängen die nicht selten nach
Bohnerwachs rochen. Angestellte schoben quitschende Wägelchen mit Akten behäbig und betont langsam durch die Gänge.
Die Mitarbeiter mit Beamtenhabitus dort, hatten eine beratende Funktion, die sie auch auf gleicher
Augenhöhe mit den Informations- und Arbeitssuchenden Personen ausführten.
Nach der Schule konnte man sich umfassend über den Arbeitsmarkt informieren. Da ich immer ein starkes Interesse für elektrische Geräte und
Motoren hatte, lag eine Lehre zum Elektromaschinenbauer irgendwie recht nahe. Zumindest in meinem Fall war die Beratung des Arbeitsamtes gut.
Die 3,5 Jahre Lehre mit den für Lehrjahre üblichen Höhen und Tiefen waren
auch zu schaffen. Allerdings war am Ende zu sehen, dass nicht alle Auszubildenden übernommen werden sollten.
Auch 1982 war schon „Krise“. Ist nicht irgendwie immer „Krise“? Von sechs Auszubildenden wurden
nur drei übernommen. Wir haben Zündhölzchen gezogen. Ich war draussen. Fair fand ich diese Methode der Auswahl jedenfalls. Da konnte man nicht meckern.
Ganz selbstverständlich rief man beim Arbeitsamt an - ja, damals ging das noch - konnte sich erkundigen oder sogar auch einfach hingehen.
Eine feste Terminabsprache und die Kontrolle der Personalien wie heute gab es nicht. Eigentlich fehlte nur noch die Tasse Kaffee, dann wäre die Beratung ein Pläuschchen gewesen.
Wenn man wollte, konnte man einen Satz Bewerbungsunterlagen da lassen. Man wurde schriftlich aber unverbindlich über eine offene Stelle
informiert, wenn die eigenen Wünsche mit dem Anforderungsprofil zusammenpassten.
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Selbst damals kam niemand vom Arbeitsamt auf die Idee mir zu sagen: „Machen Sie doch mal ein Praktikum“. Bei der Beratung hatten meine Interessen
Vorrang. Es wurden kompetent alle sinnvollen Möglichkeiten erörtert.
Auch Alternativen und die langfristigen Aussichten in ihnen wurden erwogen. Es blieb mir überlassen, was ich denn nun wählen wollte.
Da der Arbeitsmarkt 1982 recht angespannt war, entschied ich mich weiter zu lernen. Ich ging zur Fachoberchule und studierte anschließend. Am Anschluss fand ich einen guten Job, arbeitete bei einer Weltfirma einige Jahre und
wurde wegen „Krise“ wegrationalisiert.
Das Unternehmen existiert heute nicht mehr. Also ging ich wieder zum Arbeitsamt. Das war in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts.
Als ich auf der Etage, zu der mich der Empfang schickte, an eine Tür anklopfte, sah ich einen vor sich hindösenden Beamten der schwer
damit zu kämpfen hatte nicht einzunicken. Nur wenig irritiert sah er auf und sagte ich müsse draussen eine Nummer ziehen.
„Ja, mach ich - danke“, sagte ich fix und schloss die Tür.
Ok, ich zog jetzt eine Nummer von einer Rolle, setzte mich in den Wartebereich und wartete bis eine Signalanlage von rot auf grün sprang, aber
sonst schien mir alles so zu sein, wie Jahre zuvor.
Die Arbeitsangebote dort waren echte Angebote - man konnte und durfte sich etwas aussuchen. Die Rat- und Hilfesuchenden hatten die Freiheit zu
sagen: „Nö, dies liegt mir nicht.“ - oder: „Also, bei dieser Firma möchte ich nicht arbeiten.“ Die Menschen hatten die Freiheit „Nein“ zu sagen.
Ich bin mir sicher, das war nicht die Regel, auch wenn es dies möglicherweise gelegentlich gegeben haben mag.
Die Menschen wollten schließlich etwas verdienen und konsumieren. Aber die Freiheit eine Wahl zu besitzen, konnte
gar nicht hoch genug geachtet werden. Kaum jemand wollte doch freiwillig dauerhaft von Arbeitslosenhilfe leben.
Und diejenigen, die sich wirklich als Randexistenz in der Gesellschaft wohl fühlen, kann man in einer Leistungsgesellschaft nicht
wirklich gebrauchen. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen zu sagen: „Wir streichen dir jetzt deinen Leistungsanspruch weil du ein
Jobangebot abgelehnt hast. Sieh zu, wo du bleibst. Verhunger doch.“
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Früher also, kannte ich das Arbeitsamt nur als Hilfe für Arbeitssuchende. Unter der konservativ-liberalen Koalition Helmut Kohls wurden in den
1980er Jahren die Leistungen der Arbeitslosenversicherung langsam reduziert.
Schon Mitte der 1990er Jahre begann der Umgangston in den Arbeitsämtern rauer zu werden. Ich war froh, dass der „Dicke“ 1998 endlich durch die rot-grüne
Koalition abgelöst wurde. Es gab so etwas wie Aufbruchstimmung. Vieles sollte besser werden.
Ab dem Jahr 2000 änderte sich die Stimmung im Land dann stärker. Oder besser: Die Stimmung im Land wurde verändert. Leider nicht zum Besseren.
Interessengruppen der Wirtschaft stellten Forderungen an die Politik wie der offenbar immerwährenden „Krise“ zu begegnen sei. Nämlich mit
Verschärfungen der Zumutbarkeitsregeln. Nach dem geschaffenen Sozialgesetzbuch zweites Buch, bekannt geworden als SGB II, wurde jede Arbeit
als zumutbar erklärt, zu der man geistig und körperlich in der Lage ist.
Da fällt mir der Spruch ein: „Wenn die Meister den Hof fegen, was machen dann die Gesellen?“
Wenn Akademiker zum Beispiel auf Putzstellen verwiesen werden, ist das nicht nur eine Entwertung ihrer Qualifikation. Es verdrängt auch die
Leute, die in diesen einfachen Jobs tätig sind. Diese kommen mit dem Jobverlust erfahrungsgemäß weniger klar, als die Qualifizierten, die oft ganz
gut etwas mit der Zeit anzufangen wissen. Zum Beispiel im Hinblick auf Weiterbildung, ehrenamtlicher Tätigkeit, pflege des nachbarschaftlichen Klimas etc.
Aber laut SGB II gibt es eben keinen Schutz mehr. Jede Arbeit ist zumutbar! Das ist Klassenkampf - aber diesmal von oben.
Die im Jahr 2000 gegründete arbeitgeberunterstützte Lobbyorganisation INSM (Initiative neue soziale Marktwirtschaft), sie wird aus dem Arbeitgeberlager
mit reichlich Spendengeldern versehen, sorgte mit ihren weitreichenden Einflussmöglichkeiten und gezielter PR-Arbeit für massive Propaganda um
Kapitalinteressen durchzusetzen.
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Langsam aber strebsam wurde bereits vorher von der Kaste der Sesselpuper in der Wirtschaft die
Veränderung der Gesellschaft vorbereitet und nun auch immer lauter und aggressiver über alle Medien gefordert.
Das Ziel der Kapitalbesitzer war es, die Löhne auf der Arbeitsseite zu drücken, damit mehr Geld auf der Kapitalseite bleibt. Denn die Gewinnmargen
waren ihnen (wie immer) zu niedrig. Es wurde eine Jobverlagerung ins Ausland betrieben um mehr Druck zu erzeugen. Es wurde behauptet deutsche Produkte
seien nicht konkurrenzfähig gegenüber den Produkten aus den Ländern in denen man die Menschen und die Umwelt nach Gutsherrenmanier ausbeuten kann.
Um die Personalkosten im Inland senken zu können, bedurfte es eines verschärften Wettbewerbs unter den Arbeitnehmern. Somit wurde zum
Angriff auf die sozialen Sicherungssysteme geblasen. Es wurde das Wort „soziale Hängematte“ erfunden. Und diese galt es äußerst unbequem
zu machen, damit sich niemand darin wohlfühlt und es sich dort gemütlich einrichtet.
So wurden die sozialen Sicherungssysteme damals bewusst sturmreif geschossen und ausgehöhlt. Durch Outsourcing und Neueinstellungen
wurden Löhne und Gehälter reduziert.
Die Ausgaben waren nun den Mindereinnahmen in den Sozialsystemen anzupassen. Der Kürzungsbedarf wurde von der Wirtschaft anschließend
damit begründet: „Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten.“
Klar, wer wollte, und es sich leisten konnte, durfte ja in allen Bereichen privat vorsorgen. Das alles war und ist neoliberale Handschrift. Eine Doktrin,
die genuin bei FDP und CDU anzutreffen ist.
Mitte des Jahres 2002 trat ich in die SPD ein. Dem sich abzeichnenden Sozialabbau wollte ich etwas entgegensetzen. Aber ich merkte schnell,
dass dies gar nicht möglich war. Einmal saßen
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hier im Ortverein nur Rentner die sich schnell mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen oder
auch einer Frikadelle und einem Freibier zum Einverständnis gegenüber längeren Arbeitszeiten, weniger Kündigungsschutz, niedrigerem Arbeitslosengeld usw.
überreden ließen. Und zum anderen waren die Genossen derart obrigkeitshörig, dass man auch mit den besten Argumenten nicht dagegen anreden konnte.
Ihr Gott hieß Schröder. Es war ein aussichtsloser Kampf - wie gegen Windmühlenflügel! Wenn Schöder sagte, dass wir mit Chinesen konkurrieren
müssen, dann galt das für die meisten Genossen eben. Wenn das bedeutet, dass die Löhne sinken müssen, dann wurde das fast kritiklos akzeptiert. Wer es, so wie ich, wagte
Kritik zu üben, der wurde abgekanzelt.
Als Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Westfalenhalle tosenden Ablaus für Forderungen nach Sozialleistungsabbau bekam um Deutschland angeblich
fit für die Globalisierung zu machen, da ging ich nicht hin. Ich schwenke für niemanden Fähnchen!
Als Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder den Menschen 2004 mit seiner Agenda 2010 die Freiheit
gestohlen hat „Nein“ sagen zu dürfen, schaute ich mir das nicht mehr lange an - ich trat aus der SPD 2005 wieder aus.
Den Aufbau eines gigantischen Niedriglohnsektors durch den Meilenstein Agenda 2010 wollte ich politisch nicht mittragen.
Kein Handlanger der Wirtschaft werden. Nicht in einer Partei sein, die ganz bewusst grundgesetzwidrige Regularien schuf:
Die Mischverwaltung von Erwerbslosen durch die ARGEn, damit leichter Druck ausgeübt werden kann.
Die verfassungswidrige Art und Weise der ALG-II-Berechnung, damit das Lohnabstandsgebot gewahrt bleibt und noch Spielraum für
Lohnsenkungen besteht.
Den gegen Artikel 12 des Grundgesetzes verstoßenden Zwang zur Annahme von 1-Euro-Jobs, damit Unternehmer willige und billige Arbeitskräfte
bekommen usw.
Bereits 2004 berichtete der Spiegel (37/2004, S. 75): „Ein-Euro-Jobs auch in Unternehmen. Künftig will die Bundesregierung Ein-Euro-Jobs auch
in privaten Unternehmen zulassen. (...) In den
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vergangenen Wochen hatten mehrere Wirtschaftsverbände Befürchtungen geäußert, die
Ein-Euro-Jobs könnten einseitig öffentlich-rechtliche Träger begünstigen.“
Die Wirtschaftsvertreter geiferten und sabberten schon.
Da der Kapitalismus schon seit jeher „freie“ Arbeitskräfte braucht, die nach belieben geheuert und gefeuert werden können, haben die Genossen
dafür gesorgt, dass die Arbeitnehmer Besitz- und damit bindungslos (= frei) wurden. Sie koppelten das ALG II an die Bedürftigkeit. Erwerbslose
durften nach einem Jahr ALG I ihre Habe versilbern und verfuttern um nach vorweisen der Pauperität das knapp bemessene ALG II zu bekommen.
Der damalige Super-(arbeits)minister Wolfgang Clement (SPD) wollte eine neue Klasse von Arbeitsnomaden schaffen: Verarmt, und die reine
Arbeitskraft zu Markte tragend, sollten sie sein.
Die SPD Genossen Schröder, Clement, Müntefering und auch Steinmeier - der in Bruchlandungsmanier gescheiterte Kanzler- kandidat von 2009 -
haben die Arbeitnehmer verraten und verkauft. Das Andenken an die Klassenkämpfe ihrer Väter und Urgroßväter mit Verachtung in den Dreck getreten.
Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde durch die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen zum historischen Fehlgriff der SPD. In einem beispiellosen
Akt obszöner Selbsterniedrigung biederte er sich der Wirtschaft an, wie es die CDU und die FDP nicht besser gekonnt hätten.
Die Grünen waren damals im Jahre 1998 glücklich, endlich an der Macht zu sein und waren fleißige Helferlein beim Abbau von Arbeitnehmerrechten.
Als Lehrer- und Freiberuflerpartei fehlte ihr perse das Einfühlungsvermögen für die werteschaffenden Arbeitnehmer.
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Der erste Besuch beim Fallmanager.
Ich stellte fest: Wer seit Einführung der Hartz-Gesetze erwerbslos wird, ist eine arme Sau.
Als ich im Herbst des Jahres 2005 erwerbssuchend das Arbeitsamt aufsuchte, hieß es bereits Arbeitsagentur.
Aber noch irgendetwas hatte sich zuvor offensichtlich gravierend geändert. Zu der Zeit glich diese
Arbeitsagentur mehr einem Hochsicherheitstrakt. Bulliges Security-Personal am Eingang. So, als ob täglich mehrere Bombendrohungen eingegangen sind.
Der Haupteingang hatte mittlerweile zwei Eingänge. Einen für ALG I Bezieher und einen für ALG II Empfänger.
Man beachte die Wortwahl! Man hatte nur Zutritt, wenn man das „Einladungsschreiben“ vorzeigte, das man bekam, wenn man einige Tage
zuvor telefonisch um einen Termin gebeten hatte.
Der Arbeitsvermittler zu dem ich sollte, stellte sich als „Fallmanager“ vor, und meinte, dass er für mich von nun an alleiniger Ansprechpartner sei.
Der Begriff „Arbeitsvermittler“ wurde durch den Begriff „Fallmanager“ersetzt. Hui, wie innovativ, dachte ich!
Kontakt bekam man jedoch nur noch nach Voranmeldung über die Callcenter oder halt per perönlicher „Einladung“.
Irgendwie fühlte ich mich nach jedem Besuch bei meinem „Fallmanager“,
dessen offensichtliche Aufgabe es war, meinen sozialen Fall nach unten zu managen, sauschlecht.
„Fallmanger“ - das klingt schon irgendwie „abfällig“. Wie „Abfall“.
Wieso nur schafft es dieser Herr Kxxxx von der ARGE Dortmund von mal zu mal mehr, mein mühsam wieder aufgebautes
Selbstwertgefühl zu zerstören?, fragte ich mich.
Zu einem Fallmanger wird man „eingeladen“ - oft sehr kurzfristig. Da allein entsteht schon das Gefühl von Machtlosigkeit. Ich halte diese
Einladungen eher für „Vorladungen“. Denn wer sie ausschlägt, bekommt umgehend Sanktionen in Form von Leistungsentzug zu
spüren.
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Nach meinem Verständnis kann man Einladungen auch ablehnen - diejenigen der ARGE jedoch nicht.
Auch habe ich aus heutiger Sicht den Eindruck, dass Fallmanger generell anderen gerne zeigen, dass sie diejenigen sind, die nun via SGB II
(sprich: Sozialgesetzbuch zweites Buch)
Macht besitzen und ausüben dürfen. Wo Menschen Macht über andere haben,
kommt es auch zu Machtmissbrauch, das zeigen die vielen Klagen über willkürliche und ungerechtfertigte Sanktionen.
Bei meinem Fallmanger wurde ich das Gefühl nicht los, dass diese offenbar ungebildete Person möglicherweise unterschwellig
keine Akademiker mochte. Einen versteckten Minderwertigkeitskomplex hatte. Ich schloß dies auch aus seiner unfreundlichen Art. Seines überheblichen
und sakrosankten Auftretens. Wie ich später erfuhr waren seine Kolleginnen und Kollegen nicht anders. Diese Art des Auftretens hatte also Methode
und war gewollt.
War es nicht schon schlimm genug, wenn der eigene Arbeitsplatz aus betriebsbedingten Gründen wegfiel und man sich neu orientieren musste?
Mein Fallmanager der mich zu „behandeln“ hatte, verdeutlichte mir, dass ich nun nicht mehr
„Leistungsträger der Gesellschaft“, sondern der „Arsch der Nation“ bin.
Aber das war ja genau die von der Poltik gewollte Taktik: Niemand soll sich bei der Arbeitsagentur wohl fühlen. Niemand sollte gerne zur
Arbeitsagentur gehen, sich gut aufgehoben fühlen. Jeder soll sie fürchten und meiden. Das betraf auch die Fach- und Führungskräfte, die Akademiker.
Die Menschen sollten lieber eine schlecht bezahlte Arbeit annehmen als zur Arbeitsagentur zu wollen.
Das war alles Teil des großen Plans den eine namhafte Unternehmenberatung zusammen mit der BA (Bundesanstalt für Arbeit) ausheckte. Die Fallmanager,
wie die Arbeitsvermittler heute heißen - sind die willigen Helferlein.
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Nun, lass mich einmal etwas aus dem Nähkästchen plaudern.
Ich habe Elektrotechnik studiert. Schwerpunkt elektrische Energietechnik. Damals war das Bafög, also Geld nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz,
noch auf der Basis eines Volldarlehens. Später nach einigen Berufsjahren musste ich es wieder zurückzahlen.
Einige Jahre später studierte ich aus eigenem Impetus Wirtschaftsingenieurwesen und während der Diplomarbeitsphase noch ein Semester
Wirtschaftsethik.
Daran ärgert mich, dass nach dem zweiten Semester, SPD sei Dank, eine Studiengebühr von 500,- Euro/Semester in Nordrhein-Westfalen
eingeführt wurde. Und zwar auch für diejenigen, die sich bereits im Studium befanden. Das empfand ich als Vertrauensbruch. So etwas macht
man nicht. Man nicht - Politiker schon! Ich legte Widerspruch ein und beschwerte mich schriftlich bei Hannelore Kraft, der damaligen
SPD-Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Ihr Tip: Wenn mir die Studiengebühr nicht passt, könne ich mich doch auf das Armenrecht berufen.
Mir blieb nichts anderes übrig als zähneknirschend zu zahlen. Mittendrin aufhören kam für mich nicht in Frage.
Die Gesamtnoten beider Studienfächer waren 2,3 und 2,4 - in den wichtigen Fächern mit sehr gut.
Ich studierte immer, weil es mich interessiert hat, Klausuren absolvierte ich immer ohne irgendwelche Mogeleien.
Manchmal haben es einige meiner Kommilitonen dabei nicht sooo genau genommen,
aber das war deren Dingen und hat mich auch nicht weiter gestört.
Eigentlich doch ne ganz nette Ausbildung mit Aussicht auf eine nette Karriere.
Nur die berufliche Schiene klappte nicht so reibungslos wie erwünscht. Der Lebenslauf wurde lückenhaft (betriebsbedingte Kündigung,
Zeitvertrag, Projekte...) Irgendwie war da der Wurm drin. Und älter wurde ich leider auch noch mit der Zeit - welch ein Faux Pas.
Ach, ja - die Bandscheiben - auch nicht gerade zum Jubeln. Machten halt schon recht früh echte Probleme.
Das schränkte die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Verwertbarkeit doch enorm ein. Ich war ja keine 30 mehr.
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Von meinem Wesen her bin ich ein Denker, auch ein Querdenker, ein Grübler aber auch ein Tüftler, ein Bastler - ein Techniker mit leichtem Hang
zum Autismus. Mehr introvertiert als extrovertiert.
Ich zieh an Türen, wo dick und fett "DRÜCKEN" steht und drück gegen Türen, wo dick und fett "ZIEHEN" steht.
Den zerstreuten Professor könnte ich eher abgeben als einen agilen Handwerker. Ein Theoretiker eben und
kaum ein Praktiker. Wenn ich mich umdrehe, werfe ich mit dem Hintern häufig noch die Dinge um, die ich zuvor aufgebaut habe. Aus irgendeinem
mir unerklärlichen Grund versuche ich jedoch immer wieder den Neuaufbau. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit muss es auch irgendwann
einmal klappen.
Als ich nun das erste Mal bei dem Herrn Kxxxx, meinem „Fallmanger“, vorstellig werden durfte, wurde ich kurz auf die geänderte Rechtslage hingewiesen.
Herr Kxxxx erklärte mir, dass ich laut den neuen Gesetzen jede angebotene Arbeitsstelle annehmen muss. Ein Ablehnungsgrund kann nur körperliches
oder geistiges Unvermögen sein.
Einen Satz später fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte im Ausland zu arbeiten. Ich hatte das Gefühl, als ob man mich aus dem eigenen Land
rausschmeißen wollte und verneinte die Frage.
„Besitzen sie ein Kraftfahrzeug?“ , schob er nach, so als ob er meine Antwort gar nicht registriert hätte. „Ja, habe ich“, sagte ich. Vorwurfsvoll schaute er
mich über seinen Brillenrand an und meinte: „Und dass können Sie sich noch leisten?“ Ich erwiderte, dass ich
mir den „Luxus“ einen über 10 Jahre alten Kleinstwagen zu besitzen, vom Munde absparen würde, woraufhin er irgendetwas Unverständliches vor
sich hinbrummelte und einen Moment geistesabwesend wirkte.
Er drehte sich zu seinem Computer, tippte hektisch auf der Tastatur und meinte: „Ich habe hier ein Stellenangebot für Sie, da können Sie mit Ihrem
technischen Verständnis punkten - ist auch ganz in Ihrer Nähe. Sogar eine Einarbeitung bzw. eine gründliche Schulung wird geboten. Gefordert
ist lediglich absolute Schichtbereitschaft - auch am Wochenende.“
„Na ja, besser als nichts“, antwortete ich in der Hoffnung, dass es sich um eine Arbeitsstelle handelt bei der man sich weiterentwickeln konnte.
Nichts irdisches ist schließlich für ewig. Möglicherweise gab es ja Aufstiegschancen. Ich war noch Optimist.
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Aus dem Drucker schob sich quietschend das Stellenangebot, das mir Herr Kxxxx freudig lächelnd über den Tisch reichte. Ich las:
Sehr geehrter Herr Obergassel, ich freue mich, Ihnen folgende Arbeitsstelle vorschlagen zu können:
Tätigkeit: Call-Center Agent
Lohn/Gehalt: 767 Euro
Arbeitszeit: Teilzeit/Schicht 20 h
zu besetzen ab: sofort befristet bis 6 Monate
bei: arvato direct services
Das saß!
Ich stammelte: Ähhh, das - das wird wohl kaum zum Leben reichen. Wenn ich die Fahrkosten davon abziehe, bleibt doch nicht genug übrig.
Das ist doch eher etwas für Hinzuverdiener, Hausfrauen usw.
„Sie können ja noch zusätzlich Wohngeld beantragen und eventuell besteht auch noch ein Aufstockungsanspruch“, sagte der Fallmanger und
stand demonstrativ auf um die Hand zur Verabschiedung zu reichen sowie mir viel Erfolg bei der Bewerbung zu wünschen.
Vor der Tür, draussen auf dem Gang stand ich da, wie ein begossener Pudel. Ich erinnerte mich an ein Gespräch mit einem Arbeitsberater vor
vielen Jahren nach dem ersten Studium. So ein „gemütlicher Bärchentyp“, der mittlerweile wohl im Vorruhestand war. Damals schwärmte die
Presse von dem ersten Call-Center in Dortmund. „Dortmund wandelt sich zur Dienstleistungsstadt. Qualifizierte Leute geben Hilfestellung in
Hot-Line.“ Als ich den Arbeitsberater darauf ansprach sagte er: „Machen Sie das bloß nicht. Da sind sie nur eine unterbezahlte graue Maus mit
Kopfhörer. Eine derartige Tätigkeit macht sich nicht gut im Lebenslauf. Da rate ich Ihnen dringend von ab.“
Ein paar Jahre später war dies das einzige Stellenangebot der Arbeitsagentur!
Nachdenklich machte ich mich auf den Weg nach Hause um anschließend im Internet zu recherchieren wer denn „arvato direct services“ sei.
Ach du Scheiße! Arvato ist eine
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Tochtergesellschaft von Bertelsmann, fand ich heraus. Ein Teil der sogenannten „Krake“ Bertelsmann. Die Bertelsmann-Stiftung, deren Gründer
Reinhard Mohn 2009 verstarb, ist eine höchst zweifelhafte Einrichtung. Sie übt einen großen politischen Einfluss aus und war zusammen mit der
Unternemensberatung McKinsey an der Vorbereitung und Begleitung der Hartz-Gesetze und am Umbau der Bundesanstalt für Arbeit beteiligt.1
Mein Misstrauen gegenüber diesem Arbeitgeber war groß. Ein Unternehmen, welches die Hartz-Gesetze zur Notwendigkeit erklärt, konnte schließlich
kein Club von Philantrophen sein. Apropo Club. Bertelsmann Buchclub und die verruchten Drückerkolonnen fielen mir zu dem Namen auch
spontan ein. Das war alles nichts Vertrauenerweckendes.
Ich bewarb mich pflichtgemäß bei diesem Unternehmen. Natürlich hätte ich lieber einen „richtigen Job“ gehabt und war gar nicht erbaut darüber
als ich einige Tage später zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.
Als ich dort eintraf, das Unternehmen war mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht ideal erreichbar, sah ich viele Menschen hin und herlaufen.
Es war wohl gerade Pause. Komisch dachte ich. Von denen lächelt keiner - so wie auf den tollen Werbeprospekten.
Ich wurde in einen Raum gebeten in dem schon ca. 15 andere Leute saßen. Es wurde ein Fragebogen verteilt den wir in den nächsten 10 Minuten ausfüllen sollten.
In dem Fragebogen wurden unter anderem Fragen gestellt wie:
Habe sie schon einmal in einem Call-Center gearbeitet? Nein
Haben Sie Freude am Umgang mit Menschen? Nein
Telefonieren Sie gerne? Nein
Benötigen sie eine Sehhilfe? Ja
Bereitet Ihnen längere Monitorarbeit Probleme? Ja
Wie sind Sie auf arvato aufmerksam geworden? Die ARGE schickt mich
Anschließend sollten wir draussen Platz nehmen. Man würde uns
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1 siehe auch: www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24025/1.html
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einzeln aufrufen, ließ man uns mit einem Honigkucherpferdelächeln wissen. Nach einiger Wartezeit in dem total verräucherten Wartebereich
wurde auch ich hereingebeten.
In dem darauf folgenden Gespräch wurde das Unternehmen nochmal detaillierter vorgestellt, unter Zuhilfenahme des Fragebogens noch die
ein und andere Frage gestellt und die tollen Schulungs- und Trainingsangebote erläutert, die mir helfen sollten ein guter „Agent“ zu werden.
Anschließend wurde ich freundlich verabschiedet. Man würde sich bei mir melden, hieß es.
Mit gemischten Gefühlen verließ ich das Vorstellungsgespräch und machte mich auf den Heimweg. Die Vorstellung einen Job mit Schichtdienst
von 5:00 Uhr bis 22 Uhr zu haben der noch nicht einmal existenzsichernd war, der mich weiterhin abhängig von der Arbeitsagentur sein ließ,
konnte mich nicht glücklich machen.
Und dann ausgerechnet bei einem Call-Center. Ein Bekannter, der sich mit den Methoden dieses Wirtschaftszweiges auskannte sagte mir, ohne
Out-bound kann man dort kein Geld verdienen. Out-bound, dass heisst Kundenackquise. Die zweifelhaften Methoden dafür kennt in diesem Land
mittlerweile jeder. Auch bei mir ging mindestens einmal am Tag das Telefon bei dem sich ein Call-Center-Mitarbeiter meldete um mir irgendetwas
zu verkaufen. Häufig genug wurden sie frech, als ich mir weitere Anrufe verbeten habe. „Melden Sie doch ihr Telefon ab wenn Ihnen die Anrufe
missfallen“, schnauzte mich einer mal an.
In wirtschaftlich schlechten Zeiten, bzw. in Zeiten der Marktsättigung werden die Methoden der Kundengenerierung rabiater. Kommt er Kunde
nicht zum Unternehmen, kommt das Unternehmen eben zum Kunden. Oftmals allerdings zu aufdringlich.
Natürlich hatte ich in der Zwischenzeit auch etliche andere Bewerbungen geschrieben. Gerne hätte ich zugunsten einer sozialversicherungspflichtigen
Vollzeitstelle arvato für den Fall das sie mich hätten nehmen wollen, mitgeteilt, dass ich die Bewerbung in Ihrem Hause für mich als erledigt betrachte.
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Leider ergab sich kein alternatives Jobangebot und das Warten auf eine Antwort erwies sich als pure Belastung.
So war ich wirklich erleichtert, gute 14 Tage später, es war kurz vor Weihnachten 2005, Post von der Bertelsmanns Tochtergesellschaft
„arvato direct services“ zu bekommen in der mir mitgeteilt wurde:
„Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben. Wir bedauern, Ihnen trotz Ihrer guten
Qualifikation keinen positiven Bescheid geben zu können und wünschen Ihnen für Ihre weitere Zukunft alles Gute.“ Das war immerhin ein
gutes Weihnachtsgeschenk.
Natürlich musste ich das Ergebnis meiner Bewerbungsbemühungen der ARGE Dortmund mitteilen. Ich faxte dem Fallmanger das Formular
von Blatt 2 des Vermittlungsvorschlags das er mir mitgegeben hatte mit dem von mir eingetragenen Ergebnis zu.
Herr Kxxxx war darüber sicherlich nicht erbaut und so dauerte es auch nicht lange bis ich ihm wieder gegenüber saß.
Mürrisch und bitterernst, wie ich ihn bisher kennengelernt hatte, erläuterte er mir die düsteren Jobaussichten.
Schlechte Arbeitsmarktlage - bla,bla ... Schon eine Weile aus dem Berufsleben raus - bla, bla ... Flexibilität gefordert - bla, bla ...
Dann schwieg er plötzlich, schaute in seine Akte und wippte mit dem Kopf hin und her. So, als ob er jetzt scharf nachzudenken hätte, welche
Schikane er für mich aus dem Hut zaubern könne. Dann tippte Herr Kxxxx eifrig auf seiner Tastatur und sagte, dass er da ein wirklich interessantes
Stellenangebot für mich hätte. Er wollte mich an einen „Unternehmer“ aus Nürnberg vermitteln, der Kommunikationsgeräte vertreibt.
Herr Kxxxx erwähnte noch einmal, dass ich laut den neuen Gesetzen jede angebotene Arbeitsstelle annehmen muss.
Puh - was hatte ich Glück nicht korpulent zu sein und nicht zufällig ein Job als Elvis-Imitator frei war.
Für den Unternehmer aus Süddeutschland sollte ich also mit meiner
PKW-Rostlaube als freier Handelsvertreter irgendwelche
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Kommunikationsgeräte bei Kunden verkaufen. Dafür hätte ich dann Provision bekommen - klar ich kenne natürlich so etwas:
a) bin ich dann Quasiselbständiger
b) zahle ich am Monatsende drauf. (die Provision deckt nicht die Spritkosten)
Für wie blöde hielt mich mein „Fallmanager“?
Ach ja, ich wurde natürlich auch, so wie es heute üblich ist, zur Unterschrift einer Eingliederungsvereinbarung wirtschaftlich genötigt.
Das heißt, mir wurde gesagt: Unterzeichnen oder das ALG II wird um 30 Prozent gekürzt. Also unterzeichnete ich die Verpflichtung sechs
Bewerbungen pro Monat zu schreiben und mich auf die angebotene Stelle zu bewerben.
Zuvor kontaktierte ich den Herrn „Unternehmer“ per E-Mail um anzufragen, ob ich die Bewerbung auch per E-Mail zusenden dürfe.
Er schrieb: „(...) senden Sie uns ihre Bewerbung auch per eMail zu. Vielleicht können Sie dann auch gleich die Möglichkeiten eines Einsatzgebietes
innerhalb der BRD nennen.“
Das war schon voll krass. Er suchte Volltrottel zum abmelken!
Ich schrieb also brav meine „Pflichtbewerbung“, unterließ es jedoch im Anschreiben vor Enthusiasmus zu sprühen.
Als Erwartungsgemäß die Absage kam, zitierte mein Fallmanager mich wieder zu sich, um mit mir das Ergebnis seines Vermittlungsvorschlags zu
erörtern. Natürlich bedeutete der Empfang eines derartigen Schreibens bereits puren Stress. Ich fühlte mich als erwachsener Mensch genötigt
mich dafür zu rechtfertigen, warum ich so und nicht anders gehandelt hatte.
Warum ich nicht freudestrahlend gerufen habe: „Ja, ich lass mich gerne verarschen.“
Mit ernster Miene empfing mich mein Fallmanager in seinem Büro in der ARGE der Dortmunder Steinstraße und bat mich Platz zu nehmen.
Er verlangte die Bewerbungsunterlagen zu sehen, die ich laut Anschreiben mitzubringen hatte.
Ich musste es wie ein kleiner
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unartiger Junge über mich ergehen lassen, dass mir mangelnde Leistungsbereitschaft vorgeworfen wurde.
Herr Kxxxx wog langsam den Kopf hin und her und sagte mit gespielter Gereiztheit aber gekonnt vorwurfsvoll: „Herr Obergassel, eigentlich muss
ich eine Sanktion aussprechen. Aber ich will noch einmal davon absehen. Ich habe da noch ein anderes Angebot für Sie.“ Seine Stimme klang
plötzlich freundlich. Ich wurde misstrauisch.
Dieser besagte „Fallmanager“ der ARGE Dortmund verstand es wunderbar sich bei mir beliebt zu machen, indem er mich einem sogenannten
Ein-Euro-Job bei der Dortmunder Beschäftigungsfirma „Grün-Bau“ zuteilte - „Stiefmütterchen pflanzen“ auf Phönix West - einem Rekultivierungsareal
des ehemaligen Hoesch Stahlwerkgeländes im Dortmunder Süden. Zu dessen Rekultivierung sollten bis zu 120 Arbeitsgelegenheiten geschaffen
werden. 80- 90 Leute waren bereits im Einsatz.2
Sie durften sich dort für ein Almosen abrackern.
Und eine Bewerbung bräuchte ich auch nicht schreiben, meinte Herr Kxxxx. Denn ich wurde einfach, so wörtlich, „zugewiesen“.
So, wie man damals, in unserer unrühmlichen Historie, die Menschen zu den Arbeitslagern „zugewiesen“ hat.
Ein Wort, bei dem jeder rechtschaffende Deutsche hellhörig werden sollte. So haben sich die Zeiten gewendet.
Seit Gerhard Schöders Kanzlerschaft!!! (rot-grüne Bundesregierung 1998-2005) Die schwarz-rote Koalition (2005-2009) machte munter weiter und
die anschließende schwarz-gelbe Koalition ab 2009 erst recht.
Im Geiste stellte ich mir den Herrn Kxxxx vor, wie er sich über den Schreibtisch beugt und ich ihn in seinen doch recht ansehnlichen prallen
Hintern ficken würde. Im übertragenen Sinne fühlte jedoch ich mich von ihm gefickt.
Ich sagte ihm, dass auf Grund meiner lädierten Bandscheiben eine derartige Tätigkeit für mich nicht infrage käme.
Herr Kxxxx erwiderte, dass er sich um einen Termin für mich beim medizinischen Dienst der Arbeitsagentur kümmert. Dort könne ich dann ärztliche
Gutachten vorzeigen. In der Zwischenzeit hätte ich
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2 RuhrNachrichten vom 11.05.2005
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mich jedoch beim Beschäftigungsträger einzufinden, meinte Herr Kxxxx mit drohendem Unterton.
Ich schrieb dennoch sofort eine „Bewerbung“ für den Ein-Euro-Job an den Beschäftigungsträger. Schließlich sollten die Leute sehen, wenn sie
vor sich haben.
Da ich seit meinem letzten Hexenschuß drei Jahre nicht mehr bei meinem Orthopäden war, musste ich bei ihm mal wieder einen „Rundumcheck“
machen lassen - das volle Röntgenprogramm mit allem Zipp und Zapp. Schließlich wollte er auch etwas verdienen. Gerade die Orthopäden nagen ja so entsetzlich am Hungertuch.
„Meine Bandscheiben und Wirbel weisen deutliche Verschleißerscheinungen auf“, sagte er. Eine, L5/S1, war damals bereits nur noch ein Viertel so dick, wie sie eigentlich sein sollte.
Im Attest steht: Keine Zwangshaltung in gehockter, gebeugter Stellung. Kein Tragen von Gewichten > 10Kg. Aus orthopädischer Sicht werden Tätigkeiten
empfohlen in wechselnder Position zwischen Sitzen, Stehen und Gehen.
Zwischenzeitlich kam auch das „Einladungschreiben“ zum Vorstellungsgespräch bei dem Beschäftigungsträger. Eine Einladung, die man nicht ausschlagen darf. Vielen Dank Herr Schröder!
Als ich dort eintraf und mein Aktenköfferchen öffnete, guckte die Dame und der Herr denen ich nun gegenüber saß etwas irritiert. Offenbar entsprach
ich nicht der gewohnten Klientel. Ingenieure sah man dort wohl nicht so oft.
Der junge Mann sagte sogleich: „Also, Herr Obergassel, bei uns sind sie hier falsch. Sie können wir hier nicht gebrauchen. Wir verstehen uns als
Beschäftigungsträger der auch Wert auf eine Qualifizierung im Bereich der Garten- und Landschaftspflege legt. Wir glauben nicht, dass jemand
mit Ihrem Qualifikationsprofil bei uns gut aufgehoben ist. Leider schickt uns die ARGE immer wieder vollkommen überqualifizierte Menschen.“
Damit war für „Grün-Bau“ das Thema durch. Und in mir keimte der Verdacht, das diese Schikanierung der ARGE Methode hatte.
Natürlich beschwerte ich mich bei dem Geschäftsführer der ARGE,
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dem Herrn Neukirchen-Füsers über diese Behandlung. Die Antwort war nur bla, bla.
Auf Grund der Gesetze ... und, und, und. Wie schön man sich doch hinter Gesetzen verstecken kann!
Gleichzeitig schrieb ich eine Situationsbeschreibung an die SPD-Bundestagsabgeordnete aus meinem Wahlkreis, an Ulla Burchardt, die ich aus
meinen drei SPD Mitgliedschaftsjahren kenne. Sie fragte, ob sie intervenieren solle, was ich aber verneinte - ich wollte sie ja nur über die
Machenschaften der ARGE in Kenntnis setzen, die das Ergebnis der in meinen Augen vermurksten Arbeitsmarktreformen dieser Partei waren.
Ein, zwei Jahre später bezeichnete Ulla Burchardt die Stadt Dortmund als „heimliche Hauptstadt der Arbeitsforschung“.
Die Einladung zum medizinischen Dienst im Hause der Arbeitsagentur in der Dortmunder Steinstraße traf mittlerweile auch ein. Zu diesem
Termin nahm ich meine Atteste vom Orthopäden und vom Augenarzt, bei dem ich auch noch vorher war, mit.
05. Februar 2007
Ich machte mir den Spaß und trug zu meinem Anzug, Mantel, Aktenkoffer einen Hut. Einen Hut wie gläubige Juden in tragen! Den hatte ich mir
ein paar Tage zuvor im Second-Hand-Laden besorgt - für zwei Euro fünfzig. Dies sorgte für etwas Verwirrung und starrende Blicke.
Erstaunlich, wie schnell man doch auffallen kann, wenn man sich bezüglich der Kleidung etwas von der Masse abhebt. Ein Hut reicht schon.
Als ich zum Dr. Pfeiffer, einem Arzt für innere Medizin, hereingebeten wurde, spürte ich auch bei ihm, wie auch bei der Dame die mit im Raum 1.101
saß und das Protokoll aufnahm, die Irritation. Sie währte jedoch nur kurz und der Mediziner wurde schnell sachlich.
Besonders erwähnenswert ist die Reaktion des Dr. Pfeiffer, der
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die Röntgenaufnahmen begutachtete: „Oh, ja - doch“, entfuhr es ihm als er die
Aufnahmen im Gegenlicht betrachtete. So, als wolle er damit ausdrücken: „Sieh an, diesmal kein Simulant!“
Auch meine Sehschwäche wurde mit Test-Täfelchen verifiziert. Das Heben und Tragen von 15Kg wurde mir durchaus zugetraut.
Der Blick von Dr. Pfeiffer war fragend und ich sagte ihm, dass es davon abhängt wie weit und wie oft ein Gegenstand von diesem Gewicht
getragen werden müsste und besonders in welcher Haltung das Heben erfolgt.
Erstaunlich, dass dieser Arzt für innere Medizin schlauer sein möchte als mein Orthopäde.
Ich wurde anschließend gewogen, vermessen, geschoben, gebogen und gedreht. Natürlich wurde dies alles von der Dame im Raum fleißig
und kommentarlos protokolliert.
Ich konnte mir nicht helfen, in meinem Kopf tauchte immer wieder das Bild der Nazizeit aus meinem Geschichtsbuch auf, in dem Dr. Mengele
gutgelaunt und genüsslich kleine missgebildete Kinder quälte. Manche Personen haben einen Wiedererkennungseffekt.
Ok, Ergebnis war, die vollschichtige Einsatzfähigkeit, die ich mir unter den bestimmten Voraussetzungen auch zutraute, wurde an diesen Punkten festgemacht.
Es wurde ein Gutachten erstellt. So, als ob man mit seiner Rostlaube zum TÜV oder zur DEKRA fährt.
Dieses Attest und das aus der Untersuchung hervorgegangene Gutachten verhinderte also den, in meinen Augen grundgesetzwidrigen Zwangseinsatz
für körperliche Tätigkeiten dieser Art. (Artikel 12 GG)
Da hätten meine röntgenologisch nachgewiesen lädierten Bandscheiben aber auch wirlich vor Freude getanzt. Der nächste Bandscheibenvorfall hätte sich
schon am ersten Tag ereignet. Aber auf solche Befindlichkeiten wird nicht ohne weiteres Rücksicht genommen. Warum eigentlich nicht?
In der nächsten Woche darauf musste ich wieder zu meinem Fallmanger. Über die Beschwerde bei seinem Chef war der Herr
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Kxxxx gar nicht erfreut, wie ich schnell feststellen konnte. Prompt wurde ich der nächsten „Arbeitsgelegenheit“ zugewiesen: Als Erzieher Kinder
am Computer betreuen. „Dort kommt es nicht auf Ihre körperliche Konstitution an“, meinte er Herr Kxxxx gereizt.
Für sowas bin ich denkbar ungeeignet. Ich bin schwul - Kinder kenne ich nur als Nervensägen. Da habe ich keinen Draht zu, entgegnete ich.
Wer heute als männliche Person Umgang mit Kindern hat, steht doch bereits mit einem Bein im Gefängnis. In England müssen sogar Kinderbuchautoren
und Schulbussfahrer beweisen, dass sie nicht pädophil sind. 3
Aber das kümmerte Herrn Kxxxx nicht. Das „Angebot“ in Form der Eingliederungsvereinbarung schob sich bereits aus dem Drucker
heraus. In dieser Eingliederungsvereinbarung stand: „ (...) sollte die Stelle besetzt sein werden alternative AGH-Stellenangebote erfolgen.“
Weiter: „ Herr Bernd Obergassel verpflichtet sich zur Zahlung von Schadensersatz, wenn sie/er die Maßnahme aus einem von ihr/ihm zu vertretenden
Grund nicht zu Ende führt.“
Niemals hätte ich soetwas freiwillig unterschrieben! Niemand würde dies freiwillig unterschreiben! Herr Kxxxx meinte, wenn ich nicht unterschriebe,
würde mir das Arbeitslosengeld II um 30 Prozent im ersten Schritt gekürzt.
Und antreten zur Arbeitsgelegenheit müsse ich sowieso, wenn ich mich weigern würde, streicht man mir sämtliche Leistungen,
beeilte er sich anzufügen. Wie sollen solche Drohungen Selbstvertrauen aufbauen??? Ich empfand das als Nötigung und fragte mich: Wie tief
ist dieses Land nur gesunken? Wo mag das alles nur hinführen?
Meine Zuweisung erfolgte zu dem „Entwicklungszentrum für berufliche Qualifizierung und Integration GmbH“ (EWZ) in Dortmund-Eving,
gegenüber der ehemaligen Zeche „Minister Stein“. Von meinem Wohnort aus gesehen am anderen Ende der Stadt, so dass es unökonomisch gewesen
wäre mit dem eigenen PKW zu fahren aber unabdingbar, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Somit sollte ein Drittel der Mehraufwandsentschädigung
umgehend wieder in die städtischen Kassen fließen. Wenn das kein kluger Schachzug ist!
Ich fühlte mich zutiefst gedemütigt. Das war nicht meine Welt.
Es war aber nicht leicht, dies der personalverantwortlichen Person einige Tage später zu verdeutlichen. Herr Ehrich, der mich für den 27.04.2006
zu einem „Informationsgespräch“ eingeladen hatte, freute sich schon ein Bein ab, einen Studierten für diese Aufgabe der Kinderbetreuung
billigst, also kostenlos, zu bekommen. Dazu noch bis zu 500,-- Euro, welche die Maßnahmeträger noch als Verwaltungsaufwand bekommen. So wird
heute Kohle gemacht ... aber das hat mir mein Fallmanager Herr Kxxxx natürlich nicht erzählt.
Erst später erfuhr ich wie hier Kohle gescheffelt wird. Früher auf den Zechen - heute mit ALG-II-Beziehern!
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3 Der Spiegel 39/2009, S. 116
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Gerade die Wohlfahrtsverbände (AWO, Diakonie, Caritas) sind regelrecht gierig nach Ein-Euro-Jobbern - das ist wirklich schon beschämend.
Das für die Ein-Euro-Jobber gezahlte sogenannte „Regiegeld“ wurde für sie in kürzester Zeit zu einer üppig sprudelnden Einnahmequelle.
Es war nicht schwer, zu erkennen, wie sehr sich eine ganze Branche bereits auf die Zuweisung von Ein-Euro-Kräften ausgerichtet hatte. Das ließ
ich auch durchblicken. Plötzlich knallte der Personalmensch dieses sogenannten Entwicklungszentrums mit der flachen Hand auf den Tisch und
brüllte:
„Herr Obergassel, so jemand wie Sie ist mir ja noch nie untergekommen!“ Ich wich in meinem Stuhl zurück, presste den Rücken in die Lehne, weitete
die Augen und sagte trocken. „Ui, da verliert aber jemand die Contenance. War etwa ich das Ziel dieses Handschlags? Hatte ich nur Glück, dass
die Tischplatte herhalten musste?“
Mein Gegenüber schien regelrecht zu schrumpfen, ließ sich aber nicht erschüttern mir die Sinnhaftigkeit von Ein-Euro-Jobs erklären zu wollen.
Nur durch Hinweis auf Art. 12 GG und schwerem ins Gewissen reden, ließ der Personalverantwortliche von mir ab. Als ich zur Tür herausschritt,
warteten draußen auf dem Gang schon zwei andere männliche Personen auf ihren baldigen Ein-Euro-Einsatz - willkommen in der neuen Arbeitswelt.
Ganz sicher wurde mein Verhalten dem Fallmanager gemeldet. Ganz, ganz sicher!
Das perfide an den Hartz-Gesetzen ist, dass man heute ein Faktotum zu sein hat - ein Mädchen für alles. Präferenzen zählen nicht mehr.
Noch nicht einmal Eignungen. Es wird von den Menschen verlangt für alles geeignet zu sein.
Und die lieben Sozialarbeiter spielen brav mit. Lernt man das an der Universität bzw. Fachhochschule? Dies frage ich mich auch heute noch.
Anschließend hatte ich erst mal wieder Ruhe und konnte mich meinen Bewerbungsbemühungen widmen. Ich hatte ja noch etwas Hoffnung auf
einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Sie hielt bis zur nächsten Vorladung - äh - Einladung.
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Eine Trainingsmaßnahme zur Akademikerverwahrung
Die nächste „Vorladung“ kam im Februar 2007. Mein Fallmanager Herr Kxxxx wollte mal wieder über meine berufliche Zukunft mit mir reden.
Hey! Über meine berufliche Zukunft habe ich zuletzt mit meinen Eltern geredet - da war ich 15!
Mit wem ich über meine berufliche Zukunft rede, das entscheide, bitteschön, ich.
Alles Aufregen nutzte nichts. Er, der Fallmanager, war der Ansicht, so ein Englischlehrgang wäre genau richtig für mich.
Mit welchen Recht nimmt es sich diese Person heraus, mir vorzuschreiben was ich zu lernen habe?, fragte ich mich.
Ich bin nun mittlerweile ein mündiger Bürger von 47 Jahren und kein Pennäler mehr.
Mit der Keule der Androhung der wirtschaftlichen Vernichtung durch Leistungsentzug - man nennt dies auch „Hungerpeitsche“ - wies
er mich einer sechswöchigen Trainingsmaßnahme „Businessenglisch“ zu - und ich war raus aus der Statistik.
(Nur das war offenbar sein Ziel)
Wahlmöglichkeit: keine -> mitmachen oder Leistungskürzung!
Man darf der Weiterbildungsindustrie dienen - als Instrumentalisierter.
Natürlich fühlt man sich entrechtet und gedemütigt,
drangsaliert und kujoniert.
Entrechtet per Gesetz (SGB II) besser bekannt als Hartz IV. Es ist wahrlich kein aufbauendes Gefühl, zu spüren, dass man auch noch
von so einem Fallmanager „entmündigt“ wird und keine Wahlfreiheit mehr hat. Das diese Person bestimmen darf, was ich zu lernen habe.
Denn es gab keine Mitbestimmungs- und keine Aushandlungsmöglichkeiten.
Ich fühlte mich zum Subjekt degradiert und wähnte mich plötzlich in unsere unsägliche Vergangenheit zurückversetzt. Die Welt bekam einen bitteren Geschmack.
Oh ja, es fehlte es in den letzten Jahren nicht an mehr oder weniger schlüssigen Argumenten für den Einsatz all dieser schikanösen Maßnahmen.
Die Verfechter des „Neoliberalismus“ redeten uns ein, diese Gängelung sei „alternativlos“.
Und wenn die Menschen dies nicht verstehen würden, läge lediglich ein „Defizit bei der
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Vermittlung der Notwendigkeit“ vor. Natürlich war mir damals nur vage klar, was sich hinter der neoliberalen Lehre verbirgt. Ich musste mich mit
ihr erst intensiver auseinandersetzen.
Heute ist mir klar: Der Neoliberalismus ist eine zutiefst menschenverachtende Doktrin - natürlich nur für Habenichtse. Der Politologe Egbert
Scheunemann gibt in seinem Buch „Der Jahrhundertfluch“4
eine allgemeinverständliche Erklärung.
Eine kurze aber gute Broschüre habe ich hier zum Download:
Das neoliberale Weltbild - wissenschaftliche Konstruktion von "Sachzwängen"
zur Förderung und Legitimation sozialer Ungleichheit" von Stephan Schulmeister.
Ich willigte in die Weiterbildung ein - mir blieb ja auch nichts anderes übrig - da ein wenig Englischaufbesserung ja nicht schaden konnte.
Bei der Einschreibung bei dem Bildungsträger wurde dann plötzlich aus dem „Businessenglich“ eine „Kenntnisvermittlung Englisch“.
So stand es auf dem Formular in dem wir unsere Personalien eintragen sollten.
Auch fühlte ich mich nicht besser, als mir klar gemacht wurde, dass ich einen Teil der Fahrkosten selbst zu tragen hätte - immerhin 20 Euro von
den ach so üppigen 345 Euro damals. Es wurden nur 36 Cent/km bezahlt. Für fünf Kilometer, einfache Strecke. Damit war die Fahrkarte nicht
drin. Für meine sechswöchige Verwahrung sollte ich also noch Geld mitbringen.
Dies sah ich jedoch nicht ein und strampelte die fünf Kilometer in die Dortmunder City mit dem Fahrrad ab - auch bei strömenden Regen.
Klitschnass saß ich da im Raum. Im Februar! Es dauerte Stunden, bis ich trocknete.
Etliche um mich herum wurden zwischenzeitlich wegen Erkältung krank. Ich habe mir geschworen bei dem kleinsten Hüsteln zum Arzt zu gehen.
Aber ich war die ganze Zeit topfit. Und so stand ich diese staatlich gewollte Folter durch.
Glücklicherweise hatten wir 15 Akademiker (sechs aus dem Archiv des Fallmanagers Herr Kxxxx) einen Dozenten bekommen der mit einer
erfrischenden Ironie mit starken sarkastischen und bisweilen auch zynischen Einlagen gesegnet war.
„Ja, Sie haben einen Fehler begangen. Sie haben den Fehler begangen erwerbslos zu werden.“
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4 Egbert Scheunemann, LIT-Verlag Münster/Hamburg, ISBN 3-8258-7046-4
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Ausserdem eröffnete er uns locker flockig, dass seine Englischkenntnisse bestenfalls ausreichend seien - er hätte eine
gescheiterte Lehrerkarriere hinter sich und die Superfächer Französisch und Geografie studiert. Dann konnte ja nix mehr schief gehen.
Die Trainingsmaßnahme beschränkte sich weitestgehend auf das Durchlesen von fotokopierten Seiten, die
der Dozent allmorgendlich verteilte und irgendwann im Laufe des Tages kommentierte.
So ging dies die ganzen sechs Wochen. Immerhin hatte ich mich ganz bewusst neben dem hübschesten Kerlchen dort gesetzt, so hatte ich zumindest eine Augenweide
für diese trostlose Zeit. Auch war diese Person mit einer erfrischenden Ironie gesegnet, die ich heute noch schätze, wenn wir gelegentlich telefonieren.
Ach ja, wir haben in dieser Zeit acht Filme gesehen. Sie wurden mit dem Beamer an die Wand geworfen.
Ok, Kino wäre teurer gewesen - doch hätte ich hier selbst entscheiden können, in welchen Film ich gehe und in welchen nicht. Außerdem wäre die Qualität besser
gewesen.
Und dies ist ja halt der springende Punkt: Die Entmündigung - von Staats wegen sozusagen. Nur, weil man erwerbslos ist!
Die Akademikerverwahrung fiel in die Karnevalszeit. Es war ja Februar. Erstaunlich dachte ich. Millionen Menschen gehen komasaufend an dem
Tag des kollektiven Frohsinns auf die Straßen. Nur für ihre Grundrechte die zunehmend erodierenden, kämpfen sie nicht. Wollen sie die Veränderungen in diesem Land nicht
wahrnehmen oder sie nur in eskapistischer Manier ausblenden, fragte ich mich?
„Leistungssteigerung durch Frohsinn“ - ja, das passt offenbar auch heute noch. Im Dritten Reich wurde die Narrenzeit gezielt ideologisch genutzt
und heute ist es anscheinend auch nicht anders.
Sind es nicht gerade die heutigen Ingenieure, die Unternehmen wettbewerbsfähig machen und halten sollen? Sind es nicht die heutigen Ingenieure
deren Aufgabe es zunehmend wird die Welt zu retten, während die Erdbevölkerung explosionshaft zunimmt und die selbstgemachten Probleme
immer drängender werden?
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Finanzmanager tragen nicht dazu bei, wie wir nun wissen.
Weder mit erwerbslosen Ingenieuren noch mit anderen Personen sollte der Staat so umgehen, wie es heute duch die Hartz-Gesetze geschieht.
Hätte ich heute eine Idee um eines der großen Probleme zu lösen, zum Beispiel die Energieproblematik oder was auch immer: Ich würde sie
in der Schublade liegen lassen. Die für die Hartz-Gesetze verantwortlichen Politiker schaffen sich somit ihre eigenen Gegner.
Millionen Menschen mussten sich bisher damit herumplagen. Wieviel Aufwand an Ressourcen und Energie mag dies alles gekostet haben? Für
was? Nur um die Arbeitskräfte billig und willig zu halten, damit die oft überzogenen Renditeerwartungen der Unternehmer realisiert werden können?
Natürlich lag es auf der Hand, dass ich mich zu dieser Zeit mit der Theorie des bedingungslosen Grundeinkommens auseinandersetzte.
Der dm-Märkte Besitzer, Milliardär und bekennender Anthroposoph Professor Götz W. Werner, sagt in seinem Buch „Ein Grund
für die Zukunft: das Grundeinkommen“: „Was ist denn Hartz IV? Hartz IV ist offener Strafvollzug.
Es ist Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität. ... Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Ein Recht
auf ein bedingungsloses Grundeinkommen.“
Auf Grund meiner Kenntnisse und Erfahrungen als Elektrotechnikingenieur, Wirtschaftler und kujonierter Hartz-IV-Betroffener, kam ich zu
der Überzeugung, dass nur dieser Weg der einzig Sinnvolle ist.
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22. März 2007
Der Zwang zur Annahme eines Praktikums
Sechs Tage nach Beendigung dieser „Trainingsmaßnahme Businessenglisch“ durfte ich dann wieder vorstellig werden bei meinem „Fallmanager“, dem Herrn Kxxxx.
Ein Jobangebot hatte er natürlich nicht für mich.
Er eröffnete mir stattdessen die „Notwendigkeit einer beruflichen Weiterbildung“.
Und drückte mir gleich einen Bildungsgutschein für eine neunmonatige Weiterbildung zum „Managementtrainee“ in die Hand, den er - fleißig,
fleißig - zuvor bereits vorbereitet hatte.
Auf dem Vordruck mit dem Titel „Förderung der beruflichen Weiterbildung“ stand wirklich:
Sehr geehrter Herr Obergassel,
bei Ihnen wurde die Notwendigkeit einer beruflichen Qualifizierung festgestellt. Mit diesem Gutschein werden die Kosten für die Teilnahme an
einer beruflichen Weiterbildung übernommen.
Die Eingliederungsvereinbarung, die ich diesmal unterschreiben sollte, legte die Teilnahme an einer Maßnahme zur beruflichen Weiterbildung für die Dauer
von neun Monaten fest.
Herr Kxxxx hat bereits etwas für mich aus dem System herausgesucht. Eine Weiterbildungsmaßnahme mit dem Titel „Management Trainee Projektmanagement“;
bei der concada GmbH Dortmund. Diese würde aus vier Monaten Theorie und einem fünfmonatigem Unternehmenspraktikum bestehen.
Komisch - eigentlich sieht doch § 49 des SGB II nur ein paar Wochen vor und nicht fünf Monate, wunderte ich mich.
Ich solle mich bei dem Unternehmen melden, sagte Herr Kxxxx. „Am besten heute noch“, beeilte er sich anzufügen.
Ich sagte ihm natürlich, dass ich kein Interesse an einer Praktikumsstelle habe und lieber einen fair bezahlten Arbeitsplatz hätte.
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Mein Fallmanager entgegnete: „Herr Obergassel, wenn sie nicht freiwillig teilnehmen, dann werden Sie zugewiesen.“
Man drohte mir bei Verweigerung der Unterschrift mit einer Leistungskürzung von 30 Prozent, in weiteren Schritten sogar die komplette Streichung
des ALG IIs.
Damit wurde ich definitiv wirtschaftlich genötigt diese Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben.
Darin stand auch, dass ich bei eigenverschuldetem Abbruch der Maßnahme zur Zahlung von Schadenersatz in Höhe von 30 Prozent der Lehrgangskosten
von 4143,96 Euro verpflichtet werde.
Folglich habe ich neben die Unterschrift geschrieben: „Zu dieser Unterschrift wurde ich wirtschaftlich genötigt.“
Damit wertete ich die Eingliederungsvereinbarung eindeutig als für mich nicht bindend irgendwie rechtswidrig aber auf jeden Fall unseriös.
Was mir dennoch nicht weiterhalf; ich habe sie halt unterschrieben - aber hatte ich wirklich eine echte Wahl? Etwa verhungern? Oder gar straffällig
werden, weil ich meine Existenz aufrecht erhalten will und muss?
Über ein Angebot für eine schaffbare und natürlich bezahlte Arbeit, idealerweise im Ingenieursbereich, hätte ich mich doch riesig gefreut.
Somit war ich der ARGE und ihren feudalistischen Machenschaften, incl. meinem ach so fürsorglichen Fallmanager, machtlos und erniedrigend ausgeliefert.
Und die concada GmbH verdiente sich dumm und dusselig:
Bei ca. 25 Leuten, 4143,96 Euro pro Person, mehreren Lehrgängen parallel und das alle 4-5 Monate, das war eine Menge Geld! Der Beitragszahler hat es ja.
Zusätzlich musste ich in der Eingliederungsvereinbarung unterschreiben auf jede Art von Schadenersatzforderung der ARGE gegenüber zu verzichten - leider wurde mir keine Kopie ausgehändigt.
Heute würde ich mich strikt weigern dies zu
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unterschreiben bzw. diesen Passus ganz einfach streichen, koste es was es wolle. Aber damals war ich ja massiv eingeschüchtert. Obwohl ich
alles andere als begeistert davon war als unbezahlter Trainee (--> Praktikant) in der freien Wirtschaft verheizt werden zu dürfen, traute ich mich
durch die Drohung der Leistungskürzung nicht, hier aktiveren Widerstand zu leisten.
Eigentlich ist das Instrumentarium der Weiterbildung einschließlich eines kurzen Praktikumsabschnitts nicht Neues. Ich forschte etwas nach und
erfuhr, dass bereits gute zehn Jahre zuvor Weiterbildungen, wie zum Beispiel zum „REFA-Ingenieur“, angeboten wurden, die eine zehnmonatige
Theoriephase beinhalten der sich daran ein zweimonatiges Praktikum anschloss. Bei derartigen Qualifizierungsmaßnahmen handelte es sich jedoch
um Angebote. Die Teilnahme beruhte auf Freiwilligkeit.
Dort stand dann explizit: „Bei Interesse kommen Sie bitte zur Info-Veranstaltung beim REFA-Informatik-Center (...)“
Statt Freiwilligkeit herrscht nun also Zwang. So ändern sich die Zeiten!
Ich möchte die „Bemühungen“ der Dortmunder ARGE so betrachtet wissen: Als Ein-Euro-Jobber darf man nur gemeinnützig, also für die
Allgemeinheit tätig werden. In der Regel für ein halbes Jahr, manchmal auch länger - damit es sich für die Träger so richtig lohnt.
Die freie Wirtschaft bleibt bei dieser Regelung jedoch aussen vor, dabei möchte sie doch nur allzu gerne unsere (Minder-) Leistung
haben - aber natürlich nix bezahlen.
Was also ist zu tun? Ganz einfach. Man tut einfach so, als ob die Kandidaten etwas sinnvolles vorher lernen um dieses Erlernte anschließend
in die Praxis umzusetzen. Dafür schickt man sie anschließend zum „Praktikum“ in die freie Wirtschaft. Natürlich länger als zwei Monate - ist doch
klar.
Besser kann man die Wirtschaft nicht subventionieren!
Vier Monate Theorie plus fünf Monate Praktikum sah diese obskure Weiterbildung also vor - klasse! Kostenlos
arbeiten war schon immer mein Wunsch :-\
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Herr Kxxxx gab mir sogar einen Werbeflyer mit. Toll, wie vorbereitet er war.
In den vier Monaten Schulung sollte das Programm also so aussehen: Rudimentäre Grundlagen aus einem Wirtschaftsstudium! incl. marginale Computerkenntnisse, ein wenig hiervon, ein
wenig davon. Und das knappe zwei Jahre nach meinem recht erfolgreich beendeten Wirtschaftsstudium! Ich konnte und kann dieser Behandlung nichts abgewinnen.
Das hieß wieder nur eine Arbeitslosenverwahrung, diesmal mit Trimmung auf die neoliberale Doktrin, wie ich später erfahren sollte.
Quasi eine Gehirnwäsche.
Und damit das Ironische und Zynische aus meinen Sätzen verschwinden und ich rufe sollte: „Hurra, was ist die Welt schön - ich
habe ja sooo viele Chancen“, sollte ich in nun der Weiterbildungsindustrie umgebogen werden.
„Bitte, hinterlassen Sie Ihre kritische Weltsicht an der Garderobe. Hier bekommen Sie eine Neue“, war der Tenor.
Wie gesagt, ich bin sehr begeistert von diesen neoliberalen Zeiten in dessen Folge alles immer restriktiver für die Menschen wird :-(
Bitte? Ich soll noch einmal eine dieser vier neoliberalen Parteien wählen? NIE WIEDER!
In diesem Leben nicht mehr, nur noch Die Linke schwor ich mir.
Obwohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung weiß, dass sie von der Wirtschaftaftselite und den ihr hörigen Politikern der etablierten Parteien
an der Nase herumgeführt werden, wundern mich die jeweiligen Wahlergerbnisse immer wieder.
Hey, ich wollte doch nur selbst einen Job haben! Und nicht bloß instrumentalisiert werden, damit andere eine Einkommensquelle haben. Auch
wollte ich mir nicht meine Persönlichkeit verbiegen lassen, nur um vermarkungsgerechter zu werden! Das stand für mich fest.
Dennoch musste ich bei dem Weiterbildungsinstitut anrufen. Man sagte mir, ich solle eine Bewerbungsmappe zusenden, was ich dann auch
zwangsläufig tat. Natürlich musste ich mich dort nur proforma „bewerben“ - bei der concada GmbH Dortmund. Schließlich hatte Herr Kxxxx bereits
alles eingestielt. Es ging nur darum, zu sehen, wen man vor sich hat.
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Einige Tage später, es war Mitte April 2007, wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Es war ein milder sonniger Tag und ich fuhr
die gut zehn Kilometer mit dem Fahrrad hin. Das „Bildungsinstitut“ befand sich im Technologiepark der an der TU-Dortmund grenzt.
Ich suchte das Büro auf, stellte mich vor und sagte warum ich erschienen bin.
Eine junge Dame, nicht älter als 25 Jahre, begrüßte mich und stellte sich mir in einem überzogen säuselndem Tonfall als Teamleiterin vor. Sie führte mich in einen winzigen Raum.
Dort entschuldigte sie sich umgehend dafür, dass sie mich nochmal für ein paar Minuten allein lassen müsse, fragte nach einem Getränkewunsch
und ließ mir eine Tasse Kaffee zukommen.
In dem Kabuff wartete ich gute fünfzehn Minuten und nutzte die Zeit um in den ausliegenden Werbebroschüren zu blättern. Gute Taktik.
Meine ersten Gedanken waren: Wofür gibt es Universitäten, wofür Bibliotheken, wenn es soviel in privaten Weiterbildungsinstituten zu lernen gibt?
Die junge Dame, Frau Fxxx, betrat wieder den Raum und entschuldigte sich nochmals und nervend überschwenglich für ihre Abwesenheit.
Sie glaubte offenbar, jeder würde entsetzlich leiden, wenn sie nicht zugegen war. Als sie sich mir gegenüber setzte,
erzählte sie lang und breit wie toll das Bildungsprogramm doch sei und wie hoch die Erfolgsquoten nach dem Praktikum. Eigenwerbung pur!
Ich sagte ihr, dass ich ein Wirtschaftsingenieurstudium erfolgreich abgeschlossen hätte - vor erst zwei Jahren! - und ich auf ein Praktikum keinen
Wert legen würde. Sie ließ diese Argumente nicht gelten und meinte: „Sie habe doch die Eingliederungsvereinbarung unterzeichnet. Oder etwa
nicht?“ Mein Einwand, dass ich zur Unterzeichnung wirtschaftlich genötigt wurde, schien sie nicht im geringsten zu interessieren.
„Ihr Fallmanager hat Sie doch sicher über die Konsequenzen einer Teilnahmeverweigerung aufgeklärt“, versuchte sie Druck aufzubauen.
Ich machte deutlich, dass ich die Methode, den Unternehmen kostenlose Arbeitskräfte zuzuschanzen durchaus durchschaut hätte.
Man sicherte mir zu, das ich „(...) nicht zum Kaffee kochen missbraucht würde.“ - klar, da war ich mir sicher.
Wenn man den alten Lehrsatz der BWL-Consultants berücksichtigt, dass jede Entscheidung im Unternehmen den Wert des Unternehmens mehren soll,
dann gilt dies auch für die Entscheidung Praktikanten einzustellen. Kaffee kochen - macht man nebenher.
Frau F. gab mir eine Art Vertrag, diesen sollte ich unterschrieben so schnell wie möglich zusenden. Mein Eindruck war:
Die sind so gierig, die nehmen jeden!
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Es fiel mir leicht zu überblicken wie das Geschäftsprinzip funktioniert, deshalb war mir schon damals klar: Wir Teilnehmer sollten instrumentalisiert
werden, wir dienten nur als „Futter“ der Weiterbildungsindustrie die sich
an uns mästet.
Diese Weiterbildungsinstitute, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen
delektieren sich am Elend von uns Erwerbslosen und auf Kosten der Beitrags- und Steuerzahler.
Mir war bewusst: Sie dienen als „Nachbrenner“, als „Durchlauferhitzer“. Wir sollten noch mal so richtig heiß gemacht werden. Sozusagen auf
Betriebstemperatur gebracht werden. Manche dieser Institute kann man durchaus auch als ideologische Schulungsstätten bezeichnen.
Man hat als Besitzloser seinen Lebenssinn in Arbeit zu sehen.
Selbst wenn der hochautomatisierten Leistungsgesellschaft die Arbeit eigentlich ausgeht, die Weiterbildungsindustrie schult die
Erwerbslosen gerne - aus Eigennutz natürlich. Ich habe bisher immer selbst entschieden was ich lernen wollte - mal abgesehen von der
Schulzeit natürlich - nun schreibt mir, als fast 50 jährigem, der „Staat“ schon wieder vor, was ich zu lernen habe.
Aber wehe, ich hätte mich nicht lernbereit gezeigt!
Anschließend sollten wir noch einmal für ein paar Monate in der Industrie als Sternschnuppe (kostenloser Praktikant) zeigen, wie
sehr wir glühen, um dann als ausgebrannter, traumatisierter, menschlicher Abfall wieder ins Heer der Erwerbslosen
eingegliedert zu werden. Irgendwann beginnt alles wieder von vorne: Das nächste Bewerbungstraining. Die nächste Qualifizierung. Das nächste Praktikum.
Von Geld verdienen keine Spur.
Möglicherweise hält sich der ein oder andere auch ein wenig länger am Firmament der Leistungsgesellschaft - das ist ja durchaus möglich, aber
ich weiss um meine Belastungsgrenze wegen meiner Bandscheiben.
Übrigens: „kostenneutraler Trainee (Praktikant)“ - von der ARGE, dem Instrument des neoliberalen Staates, gezwungen - früher
nannte man dies Zwangsarbeiter.
Die Ähnlichkeit drängte sich mir geradezu auf. So blöd kann man doch gar nicht sein, um das zu übersehen, dachte ich. Ich meine nicht unsere Politiker.
Die wissen genau was sie tun. Ich meine das
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gemeine Volk. Es bekommt das doch auch mit. Oder etwa nicht?
Aber es war offenbar wie immer:
Solange es nicht der eigene Arsch ist der brennt, kümmert sich niemand darum.
Bedauerlicherweise schafft der nicht tangierte Bürger auf diese Weise ein Klima der Duldung für massive Eingriffe in Bürger- bzw.
Menschenrechte von Erwerbslosen.
Ach ja, der Beurteilung meiner Leistung und meines Verhaltens durch den Träger musste ich in natürlich auch zustimmen. Jede Leistungsschwäche
konnte als Leistungsverweigerung gedeutet werden, jedes Anzeichen von Schwermut als innere Verweigerung - mit Kürzung / Streichung des
ALG IIs, also der wirtschaftlichen Vernichtung geahndet werden.
Der Erwerbslose / -suchende - ein Schwerstverbrecher!
Furchtbar, wenn sich eine Gesellschaft nur über Arbeit definiert.
Dann kann sie in diesen Zeiten, wo viele Menschen in der produzierenden Industrie überflüssig werden, nur autoritär werden.
Aber, war sie das nicht immer? Und muss das für immer so sein?
Es ginge auch anders, zum Beispiel mit dem erwähnten bedingungslosen Grundeinkommen, wie sie der Prof. Götz W. Werner fordert.
Götz Werner sagte bei einem Interview mit der Sendung NDR-Info am 24. April 2006 auf die Frage ob das bedingungslose Grundeinkommen
jemals eingeführt werden wird: „Entweder Einsicht oder Katastrophe.“
Aber dazu muss der zerstörerische Neoliberalismus erst überwunden werden.
Ich bin überzeugt, der Klimawandel wird dabei helfen. Es dauert ja nur noch ein paar Jahrzehnte...
18. April 2007
Der Vertrag zwischen mir und dem Weiterbildungsinstitut concada GmbH Dortmund kam wie befürchtet ganz flott mit der Post.
Meine Gedanken zum grundgesetzwidrigen Zwang zur Unterschrift (Artikel 2 Grundgesetz) waren:
„Einwilligung zur Willensbrechung renitenter Systemnörgler“:
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Man braucht in Deutschland heute doch niemanden mehr zu foltern oder gar töten.
Man kümmert sich darum, dass die missliebige Person arbeitslos wird und auch bleibt.
Wenn sie dann früher oder später Hartz-IV-Bezieher wird, gibt man ihr die Aussicht auf einen (befristeten) Ein-Euro-Job, durch den die
Trägergesellschaft gut verdient.
Diese bekommt dafür ja bis zu 500,- Euro - oder steckt sie in eine eher weniger als mehr sinnvolle, von der ARGE finanzierte, und für den
jeweiligen Träger noch lukrativere, Trainings- bzw. Weiterbildungsmaßnahme.
Da merkt dann der Betroffene so richtig, wie die Politiker ihm im übertragenen Sinne ins Gesicht spucken.
Dort werden den Zwangsteilnehmern ihre evtl. vorhandenen Ecken und Kanten weggeschliffen und ihr
Widerstand gebrochen, sie wieder „hingebogen“ wieder systemkonform, wieder auf neoliberaler Linie gebracht.
Ich halte dies für schikanös und für eine staatsrechtliche Spielform des Sadismus.
Man kann mit Menschen ja alles machen, man kann sie zu Kampf- (Tötungs-) maschinen formen oder zu liebenswerten Philanthropen.
Wenn man früh mit der Konditionierung beginnt, ist alles möglich - aber wehe die Person hat bereits eine wie auch immer geartete Persönlichkeit
die nicht mainstreamkonform ist. Mainstream - das heisst heute eben neoliberal.
Dann muss sie erst gebrochen werden! Und das geschieht in der Armutsindustrie, die sich heute den Millionen Erwerbsloser annimmt, durch
Demütigung!
Wer aber einmal verstanden hat, dass die „Klugen“ von den Dummen leben und die Dummen von
ihrer Arbeit, für den wird es als überzeugter Moralist schwer.
Dann wird die Umerziehung zum wertschaffenden Faktotum zur Ausbeutung durch Andere für ihn eine schiere „Folter“.
Möglicherweise endet er als psychisches Wrack - wenn er nicht vorher Suizid begeht.
Aber lass mich doch einmal der Reihe nach von meinen Erfahrungen mit dieser „Qualifizierungsmaßnahme Management-Trainee“ berichten:
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2. Mai 2007
Klar, als ich in den Raum kam in dem wir uns einfinden sollten, guckte ich mir gleich wieder den nettesten Typen aus neben
dem ich mich setzen konnte. Aber auch das hob meine Stimmung nicht. Ich war total niedergeschlagen. Fühlte mich hilflos und leer.
Denn ich konnte es immer noch nicht fassen. Ich sollte nun tatsächlich bei der concada GmbH Dortmund eine neunmonatige, von der ARGE
über die Eingliederungvereinbarung aufoktroyierte, sog. Weiterbildungsmaßnahme incl. fünfmonatige Praxisphase zum „Management Trainee
Projektmanagement“ absolvieren.
Wer gut ist und alles gibt, der hat auch Chancen, wurden wir später mehrfach belehrt - ach ja, das Wort „Chancen“.
Wir sollten also im Praktikum „zeigen, was wir können“ - kostenlos! - nur darum ging es! Zur Belohnung bekam man lediglich eine Jobchance.
„Chancen“ist zum reinen Modewort avanciert -
heute bekommt man keinen Job, heute bekommt man eine Chance auf einen Job.
Das muss genügen!
Wir - die 24 Leute in der Weiterbildungsmaßnahme bei concada GmbH, Dortmund sollten also für fünf Monate
kostenneutral für die Unternehmen schuften. Ich war darüber am meisten empört und kann es nicht häufig
genug erwähnen. Es passte einfach nicht in mein Weltbild. Ich musste erst den Kontext zum Neoliberalismus verstehen lernen um die Ungeheuerlichkeit
dessen, was hier arbeitsmarktpolitisch ablief einordnen zu können.
Nach Außen wurde „Traineestelle“ - und „Training on the Job“ - intern das
Wort Praktikum kommuniziert. Zum feinen Unterschied siehe: de.wikipedia.org.
Umgerechnet wären dies gut 10 Mannjahre erpresste Gratisfronarbeit gewesen - wenn man mal davon absieht, dass sich
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einige in naiver Hoffnung auf eine bezahlte Anschlussbeschäftigung freiwillig gemeldet haben.
Somit werden mit solchen Praktiken die restriktiven Vorgaben aus dem SGB II umgangen und die Wirtschaft hat den gewünschten Nutzen.
Zeigt sich ein Kandidat nicht willig, so unterstellt man ihm mangelnde Leistungsbereitschaft und droht ihm mit
der Kürzung, respektive dem Entzug, seiner üppigen Existenzsicherung (damals noch 347 Euro).
Früher sagte man: Arbeit macht frei - heute sagt man: Sozial ist, was Arbeit schafft.
Zwangsarbeit lässt grüßen!!
Wie jämmerlich muss dieses Land dran sein, wenn es diese Vorgehensweise, aus doch schon längst vergangen
geglaubten Zeiten, gutheißt? Wenn es „Arm trotz Arbeit“ auf Job komm raus forciert? Wenn es erzwungene Praktika als sozial hinstellt, weil doch
gütigerweise Arbeit geschaffen wurde?
Hans-Peter Klös, verantwortlich für Bildungspolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft erklärte: „Bildung soll die Produktivität der Arbeitskraft
erhöhen und zum Erwerb von Qualifikationen führen, die am Arbeitsmarkt durch Einkommen entgolten werden.“ (Geo 09/2006 S.132)
Ok, aber was ich lerne, das möchte ich immer noch selbst bestimmen - sonst komme ich mir vor wie zur Reprogrammierung abkommandiert um
meine wirtschaftliche Nutzbarkeit zu erhöhen.
Und ich möchte mir nun einmal nicht in meinem Alter quasi vom Staat wie ein unmündiger Pennäler vorschreiben lassen, was ich zu lernen habe.
Davon abgesehen, brachte mir die viermonatige theorethische Phase als studiertem Wirtschaftsingenieur wie zu erwarten war, nichts Neues.
Ich musste langweilige Wiederholungen über mich ergehen lassen. Da hätte ich auch zu Hause in meine Bücher schauen können.
Das Pimpen der Bewerbungsunterlagen war zwar sinnvoll, aber dafür hatte es auch ein 14-Tage-Crash-Kurs getan.
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10. Mai 2007
An diesem Tag erschien ein ALG I Fallmanager bei uns (der Herr Ö.), um eventuelle Fragen von uns zu beantworten.
So stellte ich die provokante Frage, ob es eine Regelung im SGB (II o. III) gebe, nach der es möglich sei, einen Zuschuss zur geschäftsmäßigen
Kleidung (Anzug) zu bekommen, da meine Garderobe nicht mehr so aktuell sei. Das war natürlich nur vorgetäuscht und ich kannte seine
verneinende Antwort auch bereits im Voraus.
Mir ging es jedoch darum den anderen Teilnehmern vor Augen zu führen, dass zwar über 4.000 Euro
für den Maßnahmeträger vorhanden sind, aber keine 200 Euro für uns als Maßnahmenehmer um diese
bei einem Vorstellungsgespräch, bei einem potentiellen Arbeitgeber durch einen schicken modernen Anzug
auch zum Erfolg werden zu lassen.
(Vor über 70 Jahren wurde immerhin gestreifte Garderobe gespendet)
Man beachte auch den Unterschied von angebotsorientierter und nachfrageorientierter Politik!
Man konnte anschließend auch in einem vier-Augen-Gespräch heikle Fragen klären.
Klar, dass ich nicht widerstehen konnte: Ich sagte ihm, dass ich dieses System der Weiterbildungsindustrie und der
Praktikantenzuschanzung durchaus durchschaut hätte.
Das ich durchaus wüsste, das der Arbeitsmarkt uns, mit unseren unterschiedlichen und oft multiplen Defiziten, nicht braucht.
Wir würden hier nur noch einmal auf Betriebstemperatur gebracht, um anschließend als kostenlose Praktikanten
fünf Monate verheizt und anschließend wieder, wie ein abgelutschter Kirschkern, ausgespuckt zu werden.
Lapidare Antwort: „Darum sollten Sie sich nicht kümmern - denken Sie nur an sich.
Alles andere hat Sie nicht zu interessieren“
Das fand ich doch schon irgendwie bemerkenswert.
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Nach diesem Besuch ging die Gehirnwäsche durch unseren Personalentwickler weiter, wobei er nach einer Weile, an passender Stelle einfügte,
dass es schon mal einen Teilnehmer gegeben hätte, der zwar immer tolle Vorstellungsgespräche gehabt hätte, die aber nie zum Erfolg führten.
Ein Nachhaken (durch wen eigentlich?) hätte ergeben, dass der Teilnehmer derartig misstrauisch gewesen sei, dass die Arbeitgeber dies immer bemerkt
hätten und er deshalb keine Stelle bekommen hätte. Man sei dann mit ihm zum Therapeuten gegangen, der ihm dann Pillen verschrieben hätte.
Aha, dachte ich. So läuft das also: Wer nicht spurt, dem droht man mit psychiatrischer (Zwangs-) Behandlung.
Soweit sind wir bereits wieder! Haben diese heutigen Politiker ein Glück, dass das Volk so dämlich ist!
Um den Anforderungen der Wirtschaft heute zu genügen, betreiben immer mehr Arbeitnehmer sogar freiwillig Neuro-Enhancement
um ihr Verhalten zu optimieren. Die Pharmaindustrie lacht und reibt sich die Hände. So kann man auch Märkte generieren.
Unser Personalentwickler Herr B. versuchte sich auch als Motivationstrainer: Er trank ein Glas Wasser halb leer und fragte, wer lieber sagen würde,
das das Glas halb leer sei und wer eher meinte, das Glas sei halb voll. In Punkto Selbstmotivation sparte er ebenfalls nicht an der oberflächlichen
Argumentation wie die professionellen Motivationstrainer bei denen die Leute am Ende der Veranstaltung glückselig lächelnd den Saal verlassen.
Diese durften meist zuvor horrende Eintrittspreise bezahlen.
Zwischenzeitlich ...
Herr B. machte mit uns Kommunikationstraining. Um unsere sprachliche Kompetenz zu fördern ließ er uns einzeln einen Vortrag vor der restlichen
Mannschaft vortragen. Selbstdarstellung und freie Rede wurde geübt. Dies kannte ich aus dem Studienfach Rhetorik und man kann es eigentlich
nicht oft genug üben.
Wir machten Rollenspiele: Personalchef <-> Bewerber
Wir wurden dabei gefilmt und die Filme wurden anschließend besprochen und analysiert (seziert).
Auch in meinem Studium filmten wir unsere „Publikumsauftritte“ und besprachen sie anschließend.
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Adäquates Verhalten in diversen Situationen und in der Gemeinschaft wurde ebenso besprochen wie situationsgerechte Kleidung.
Nun ja, die wenig abwechlungsreichen Hawaihemden des Herrn B. fand ich irgendwie nicht wirklich situationsgerecht. Auch wenn es Mai und
recht warm war.
Das äußere Erscheinungsbild, Tätowierungen, Piercings, Frisuren wurde auch als „Form von Kommunikation“ besprochen.
Obwohl wir keinen Punk, Tattoofreak etc. in der Gruppe hatten, darf so etwas ja nicht fehlen. Bringt halt Füllstoff in den Vortrag. Mit
etlichen Banalitäten werden die „Lehrpläne“ bis tief in die Langeweilzone gestreckt. Dem „Lehrplanvollzugsbeauftragten“ zuzuhören stellt
dann bereits ein Kampf gegen das Einnicken dar.
Auch Begrüßungsrituale unterschiedlicher Gesellschafts- und Unternehmenshierarchieebenen wurden behandelt. Eine etwas fülligere Dame
unter uns wurde sogar mit Tipps für eine ausgewogene Ernährung versorgt. Und Buchhinweise gab es natürlich auch.
So sinnvoll wie manche Dinge ganz sicher sind, ist die erzwungene Situation in der solch ein Training stattfindet, eine unangenehme.
Sie suggeriert: Erwerbslose muss man resozialisieren!
So, wie man vor Jahrzehnten versuchte das sogenannte fahrende Volk zu „resozialisieren“, so werden heute die Erwerbslosen in die Mangel
genommen. Ihnen wird suggeriert: Sie seien an ihrem Schicksal selbst schuld, mit ein bischen Mühe klappt es schon mit einem Job oder wie hier,
mit einem Praktikum. Das Problem wird individualisiert, die Verantwortung der Gesellschaft auf den Einzelnen übertragen.
Dazu fällt mir der Satz vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) ein, der zu einem Erwerbslosen Ende 2006 sagte:
„Wenn Sie sich waschen und rasieren, dann haben Sie in drei Wochen einen Job.“
Hat irgendjemand Kurt Beck schon einmal rasiert gesehen? Er hat aber einen gut bezahlten Job.
Übrigens habe ich die ganzen Monate dort bei concada nichts gegessen. Gar nichts! Nur Kaffee getrunken. Die beleibteren dagegen ... heute schweige ich lieber mal.
Ja, auch ich weiß wie quälend es ist, wenn Millionen von Fettzellen im Chor rufen: „feed me.“ - schreien: „Feed Me!“ - brüllen: „FEEEED MEEEE!!!“
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Herr K., ein weiterer Personalentwickler, brachte uns Grundlagen des Projektmanagements bei. Ganz ehrlich? Also, ein Büchlein für 20 Euro wäre
sinnvoller angelegt gewesen, aber dafür gibt es ja in solchen Maßnahmen kein Geld.
Stattdessen bekamen wir furchtbar schlecht kopierte Fotokopien sukzessive ausgeteilt. Wer nicht anwesend war musste zusehen wie er an die
Zettel kommt. Dilletantischer und wertloser ging es nun wirklich nicht mehr!
Unter Anleitung von Personalentwickler K. sollten wir einen Flyer entwerfen, der dann an 500 Firmen verschickt wurde und in dem wir uns den
Unternehmen als Praktikanten anzubiedern hatten.
Wir machten eine lockere Brainstormingsitzung um Slogans zu sammeln und entschieden uns anschließend demokratisch.
Die meisten Teilnehmer stimmten für diesen kurzen, aber meiner Meinung nach viel zu devoten Slogan:
„Ihr Erfolg ist unser Ziel“
Warum nur war ich der Einzige, der sich vorkam wie ein Arschkriecher, fragte ich mich. Personalentwickler K. hat natürlich auch mitbekommen,
dass ich bei diesem Slogan nicht vor Begeisterung spühte.
Auf dem Gang zwischen dem Seminarraum und dem Computerraum sagte er unter vier Augen zu mir:
„Mindestens 90 Prozent der Menschen sind Idioten, sie lassen alles mit sich machen.“
Ja, diesen Eindruck hatte ich ebenfalls. Ich wollte nicht zu den Idioten gerechnet werden.
Als zweiten Part sollte, neben dem Flyer, eine Homepage entwickelt werden mit dem gleichen anbiederndem Ziel, incl. Abrufmöglichkeit für jedermann
von Details und Lebensläufen der Teilnehmer. Wir meldeten die Internetadresse www.projektteam2007.de an.
Zwischenzeitlich: Bewerbungstraining
Herr B. forderte uns auf, das Wort „Maßnahme“ in Bewerbungen zu vermeiden, da es negativ
besetzt sei. Stattdessen sollen wir „Weiterbildung“ verwenden. Es wurden bestimmte Formulierungen im Anschreiben empfohlen.
Zum Beispiel: „Im Rahmen dieser
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Qualifizierung besteht für Sie die Möglichkeit, mich in einer fünfmonatigen kostenneutralen Trainee-Phase
einzusetzen.“ Oder auch:
„Um meine Kenntnisse zu vertiefen könnte ich vom 1. September 2007 bis zum 31. Januar 2008 ihr Team im
Rahmen eines 'Training on the Job' kostenneutral verstärken.“
Jedem Menschen mit auch nur ein klein wenig Rückgrad sträuben sich mindestens die Nackenhaare bei solchen Formulierungen.
Ich hatte starke Zweifel, dass wir mit derartigen Anschreiben überhaupt für vollgenommen wurden. Aber darauf kam es anscheinend niemanden
an. Schließlich bewarben wir uns nicht für einen Vorstandsposten. Und daneben stilvolle anständig formulierte Bewerbungen zu schreiben,
stand uns schließlich frei.
25. Mai 2007
Während eines unbedeutenden Gesprächs kam man auf die angeblich häufig nicht ausbildungsfähigen Azubianwärter zu sprechen und ich
meinte dazu, dass man dies auch unter einem etwas philisophischeren Aspekt sehen könnte und doch in den Fokus der Betrachtung rücken
sollte, dass wir als Menschen nur auf Basis von Chemie arbeiten. Also keine Maschinen sind, jedoch wie solche funktionieren sollen - nicht
zuletzt, um in der Wirtschaft wie von uns erwartet zu „funktionieren“.
Der Einwand von mir, dass am 24. Mai 2007 beim Radiosender WDR 5 gegen 20:00 Uhr Heiner Geißler, das soziale
Gewissen der CDU, zu hören war, der da sagte: „Die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt.“,
wurde umgehend abgebügelt mit den unqualifizierten Worten unseres Personalentwicklers Herrn K. :
„Und gleich kommen Sie noch mit Marx und Engels.“
Ich sagte, dass ich dieses Argument nicht gelten lasse wolle, dies als gewöhnliches „Totschlagsargument“
betrachte und für meinen Einwand vollkommen unangebracht sei. Herr K. wechselte daraufhin ganz wacker das Thema um eine längere
Diskussion zu vermeiden.
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Dies ist aber ein typisches Verhaltensmuster: Man übe eine durchaus angebrachte leichte Kritik an den bestehenden Normen - hier an der
neoliberal geprägten Arbeitwelt - man stelle Auswirkungen in Frage - und schon kommt da so eine verstaubte Keule aus der rechten ideologischen
Ecke angesaust mit dem Ziel einen zu treffen und in die Knie zu zwingen. Erinnert mich irgendwie an so alte Sprüche wie: „Wenn es dir hier nicht
passt, dann geh doch rüber“. Platter geht es nicht.
05. Juni 2007
Auf der Webseite der FAZ stand: „Schwarzarbeit - Die im Dunkeln sieht man doch“.
Das war mal wieder die typische neoliberale Hetzkampagne gegen die Erwerbslosen die sich über viele Jahre, sozusagen
als mediale Dauerkampagne verfestigte.
Konkret in dieser Meldung hätte angeblich ein Modellversuch aus Sachsen-Anhalt und Thüringen zur Schwarzarbeit unter Erwerbslosen ergeben,
„dass in den beiden Bundesländern fast die Hälfte der arbeitslosen Bauarbeiter, Reinigungskräfte und Verkäufer einer illegalen Tätigkeit nachgeht.“
Weiter: „Die Empörung ist verständlich, handelt ein illegal tätiger Erwerbsloser doch im doppelten Sinne kriminell und
unsolidarisch: Er bezieht ungerechtfertigterweise staatliche Leistungen und verweigert zugleich Steuern und Sozialabgaben.“
Na klar, über die legal gewinnmanipulierenden, üppig auf Steuerzahlerkosten subventionierten Unternehmer, die sich mit Steuersparmodellen
weigern Steuern zu bezahlen und mithin sogar Sozialabgaben unterschlagen, regt sich dieses neoliberale Kampfblatt natürlich nicht auf.
Auch nicht über die Anbieter von Schwarzarbeit.
Oder, dass es den Karussellbetrug einmal anprangert, bei denen Unternehmen sich Mehrwertsteuerrückvergütungen erschleichen.
Konnte man zur Blühtezeit der neoliberalen Hetzjagt auf sozial Schwächere auch nicht erwarten. Eine Hetzjagt, die leider immer noch nicht
beendet ist und regelmäßig von Neuem aufflammt.
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Aber das Beste war ja die Schlussfolgerung: „Am wirksamsten dagegen ist Arbeitsverpflichtung“.
„ (...) Ausweitung auf ganz Deutschland und auf alle von Schwarzarbeit getroffenen Branchen ist dringend
geboten. (...) mit Arbeitsverpflichtung unter Androhung der Transferstreichung.“
Aha - so läuft der Hase. Man wollte deren Wertschöpfung mitnehmen. Hab ich es doch von Anfang an gewusst. Alternativ hätte man ja auch
Hausarrest verordnen können - aber da können die fetten Herren nix dran verdienen.
Warum diese Arbeitsverpflichtung nicht gleich: „Pflichtpraktika“ nennen ;-)
Aber mal eine andere Seite: Freiwilliges Praktikum? Warum nicht? Man könnte doch durchaus den Erwerbslosen sagen:
Seht her, es gibt die Möglichkeit Praktika zu absolvieren in der Wirtschaft, zum Beispiel für
2-3 Monate, wenn ihr wollt. Und wir zahlen das ALG I oder II weiter. Die Unternehmen übernehmen die Fahrkosten plus Mehraufwandsentschädigung.
Ihr habt damit die Möglichkeit die Unternehmen kennenzulernen und umgekehrt.
Aber, und das ist das entscheidende, wenn euch etwas nicht behagt, dann könnt ihr auch jederzeit aufhören.
So könnte man schwarze Schafe und menschenverachtende Verhaltensweisen bei den Unternehmern leicht ausschalten.
Genau dies ist derzeit nicht so einfach möglich. Ganz zu schweigen von der Ablehnung von Praktika im Allgemeinen und der Ablehnung übermäßig
langer Praktika im Besonderen, die die Regel und nicht die Ausnahme sind. (Basis sollte §49 SGB III sein)
2-3 Monate sind definitiv genug, alles darüber ist Ausbeutung! Schließlich macht
der Grundsatz im deutschen Recht für mich Sinn: Keine Arbeit ohne Lohn.
Man lese dazu bitte auch folgendes Urteil vom 22.03.2007:
http://www.sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/esgb/show.php? modul=esgb&id=66449&s0=&s1=&s2=&words=&sensitive=
Sozialgericht Aachen, Az. S 9 AS 32/07 ER
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Stattdessen wird den Menschen mangelnde Leistungsbereitschaft unterstellt und droht mit Kürzungen ihrer Leistungen zum Lebens-
unterhalt (ALG II) wenn sie überlange Praktika ablehnen. Für mich ist es eine Form von Gewalt, wenn ich gegen den Willen von einem anderen Menschen
etwas mache. Dies war so die Zeit, in der ich anfing über einige Fragen ernsthaft nachzudenken. Ja, über sehr viele Fragen sogar.
Warum nur werden erwachsene Menschen heute von der ARGE dazu genötigt? Warum nur derartig entmündigt?
Warum wird in Deutschland immer und nahezu alles komplett falsch gemacht? Selbst, wenn es gut gemeint ist? Gut gemeint für wen? (wichtige Frage!)
Ausbeuter und Menschenschinder haben dadurch doch freie Hand.
Muss dieses so sein? Ja, offenbar soll dieses genau so sein.
Der Dumme bei solchen Geschichten, da komplett dem Wohlwollen des Unternehmers ausgeliefert, wegen dem Druck mit dem Praktikumszeugnis,
ist mal wieder der Erwerbslose als schwächstes Glied in der Kette.
Warum nur tun sich diese Politiker in diesem Land so schwer den abhängigen Menschen die Freiheit zu geben selbst zu entscheiden?
Warum geben sie Unternehmern freie Hand in jeder Beziehung?
Warum erfolgt keine Steuerung des ordnungspolitischen Rahmens nach ethischen Gesichtspunkten? Sind sie nur Handlanger der Kapitalbesitzer?
So langsam begann ich mich noch intensiver um Wirtschaftspolitik zu kümmern. Denn Mitte 2007 begannen bereits einige Wolken an den Finanzmärkten
aufzuziehen, die so dunkel waren, dass auch dem Blauäugigsten hätte mulmig werden müssen.
Übrigens: Das sich Deutschland laut Transparency International auch im Jahr 2009 wie im Jahr zuvor wieder auf Platz 14 der weltweiten Korruptions-Rangliste
befand, ist doch wirklich bemerkenswert. 5
Irgendwann zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich auch intensiver mit der Geschichte des Neoliberalismus
und natürlich auch mit seiner Doktrin. Das Wirtschaftsingenieurwesenstudium kratzte da ja nur an der Oberfläche.
_______________
5 www.transparency.de/Corruption-Perceptions-Index-2.1523.0.html
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Das, was ich herausfand, entsetzte mich mehr als das es mich begeisterte. Ich fand heraus, dass es sich um eine unsoziale, menschenverachtende und
demokratiefeindliche Lehre handelt, deren Existenzgrundlage auf kapitalistischer Ausbeutung beruht.
Die Deregulierungsbestrebungen, die Privatisierungen, die Entrechtung der Arbeitnehmer, die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse
usw. - alles Ergebnisse der Lobbyisten und Protagonisten die von dieser Lehre profitieren, die für viele dieser Leute so etwas wie ein Religionsersatz
zu sein scheint. Nun erst hatte ich den Überblick und konnte die Entwicklung der Arbeitsmarktpolitik mit den Interessen der Kapitalbesitzer korrelieren.
14. Juni 2007
Die Flyer kamen aus der Druckerei und wurden versandt. Die Homepage wurde online gestellt:
www.projektteam2007.de Anbiederndes Motto: „Ihr Erfolg ist unser Ziel“
Abb. 1: Flyer zur Versendung an 500 Unternehmen
Natürlich wurde durch diesen Flyer die Wirtschaft gefördert, das liegt auf der Hand. Zumindest die Papierindustrie, die Druckerei und die Post hat Umsatz gehabt. Aber auch die
Computerindustrie und die Energiewirtschaft partizipierten von unserer Nonsensarbeit. Alles also eine Art Wirtschaftsförderung. Think positive!
19. Juni 2007
Personalentwickler Herrn B. stand mal wieder auf dem Tagesplan. Er fragte locker und lässig in die Runde, wer denn schon einen Praktikumsplatz in
Aussicht hätte. Zwei Personen meldeten sich, worüber Herr. B. sichtlich erfreut war und fröhlich ein: „Klasse“ in den Raum rief.
Zwei Leute durften also ab September fünf Monate für ein Unternehmen „kostenneutral“ schuften.
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Herr B. sagte, dass man durchaus die Festanstellung in den Vordergrund stellen könne - es sei jedoch eine andere Sache dies auch beim
potentiellen Arbeitgeber durchsetzen zu können.
Auch gab er an, dass der „Klebeeffekt“ aus seiner Erfahung eher gering anzusehen sei.
Er schätzte, dass bei einer so großen Gruppe wie wir es sind (24 Leute) bestenfalls eine Handvoll mit einer anschließenden Festanstellung zu rechnen
habe. (Somit hatte ich mit meiner anfänglichen Vermutung also vollkommen recht!)
Uns wurde erklärt, dass man flexibel sein solle was die Praktikumsstelle angeht.
Sorry, dachte ich. Ich kann mich doch nicht ständig neu orientieren und rumeiern wie eine Kompassnadel im Bermudadreieck - irgendwann muss
ich ja mal meine Linie finden.
Eine Dame einer zwei-Leute-Franchisenehmeragentur besuchte uns vormittags. Sie benötigt einen fünften! Praktikanten.
„Das Unternehmen schreibt gerade schwarze Zahlen“, sagte sie. Eine avisierte Übernahme erschien jedem als unglaubwürdig.
5. Juli 2007
Herr B., unser Personalentwickler, behandelte heute das Thema „Konfliktarten“ und erläuterte uns die neun Stufen bis zum „totalen Krieg“.
Frau F., die uns betreuende Dame von der concada GmbH Dortmund, betrat den Raum und erbat einen Zwischenstand über unsere Bewerbungsaktivitäten.
Dies wurde von den Teilnehmern recht unterschiedlich (von 0-10), mehrheitlich jedoch mit weniger als fünf laufende Bewerbungen angegeben.
Sie hielt uns eindringlich dazu an, diese Bemühungen wesentlich zu intensivieren, schließlich wollten wir doch alle in ein „Praktikum“.
Ich wandte ein, dass ich die Bewerbung auf eine Festanstellung vorziehe, da doch gerade die Wirtschaft boomt und Fachkräfte gesucht würden.
Wenn nicht zu diesem Zeitpunkt, wann dann - in einem wirtschaftlichen Abschwung stünden unsere Chancen wieder schlechter.
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Frau F. und Herrn B. blieb nichts anderes übrig als sich zustimmend zu äußern und hier Priorität einzuräumen.
Jemand erwähnte, er hätte bereits einen Praktikumsvertrag unterzeichnet bei einer Firma über die er durch Beziehungen gekommen sei, worauf Frau F.
sichtlich irritiert sagte, dass die Praktikumsverträge ausschließlich zwischen der concada GmbH Dortmund und dem jeweiligen Unternehmen geschlossen
werden.
Aha! Wir waren also definitiv nur Arbeitssklaven - da hatten wir es! Nur unseren Herrn durften wir (bedingt) wählen.
Aber nur, solange die Theoriephase lief. Nach dem 31. August, so drohte Frau F. wäre es doch unschön, wenn wir ein
„Notpraktikum“ annehmen müssten.
Ich bezweifelte, dass von denen schon mal jemand etwas von Artikel 12 unseres Grundgesetzes gehört hat.
Jemand anderes lehnte einen Praktikumsplatz strikt ab, der ihn beruflich nicht weiter bringt und außerdem sei doch zuvor nicht von einem
Praktikumsplatz, sondern von „Training on the Job“ die Rede gewesen - dass heißt, man arbeitet konkret auf eine spätere anvisierte und vorab
avisierte Übernahme hin.
Lapidar sagte Frau F., das dies im Idealfall auch so sein soll, mahnte nochmal die Intensivierung der Eigenbemühungen an und verabschiedete sich
recht hastig mit einem gequälten Lächeln.
Scheiße! Dachte ich nur. Und: In welchen archaischen Zeiten leben wir eigentlich - Scotty, beam me up!
Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich laut Eingliederungsvereinbarung nur vier Bewerbungen pro Monat zu schreiben hatte.
Bewerbungen auf Stellen die ein Einkommen bringen, welches mich vom Hartz-IV-Bezug unabhängig machen sollte - wohlgemerkt!
Ein Vertrag zwischen mir und der concada GmbH Dortmund, trug zwar den Namen „Vertrag“ , wurde aber nicht mit mir verhandelt und trug neben
dem Unterschriftsfeld den Satz: „Zur Kenntnis genommen“.
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Also, unter einem Vertrag verstehe ich etwas anderes.
Fakt ist - ich gab zu keinem Zeitpunkt eine Verpflichtung ab, mich Unternehmern in Bewerbungen um ein Praktikum anzubiedern.
Aber mir blieb nichts anderes übrig als das bittere Spiel mitzuspielen.
5. Juli 2007
Herr B., unser Personalentwickler stand wieder auf dem Plan, Er gab uns drei Sätze deren Wörter durcheinander gewürfelt waren.
Zum Beispiel:
Ich - engagierte - möchte - Einsatzbereitschaft - meine - Herausforderung - durch - annehmen - Persönlichkeit - die - Ziele - Ihres - innovativen -
Unternehmens - meine - Kenntnisse - meine - und - umzusetzen - fachlichen -gewinnbringend.
Der zu suchende Satz begann mit dem Wort „Ich“ und endete mit dem Wort „umzusetzen“ .
Mit dieser tollen Aufgabe für debile, durften sich nun 24 Akademiker einen Vormittag lang beschäftigen.
E-n-t-s-e-t-z-l-i-c-h! - Das ist schon menschenunwürdig!
Alles sträubte sich in mir solch einen Irrsinn mitzumachen und so brillierte ich nicht damit, als einer der ersten die Lösung gefunden zu haben.
Zu meinem Erstaunen machten sich alle fleißig an die Arbeit. Eine ältere Dame war sogar richtig happy.
„sie rätselt gerne, sie findet die Aufgabe toll“, flötete sie freudestrahlend.
Spätestens da wurde mir klar, dass ich irgendwie anders bin.
Wenn ich mich daran erinnere, muss ich an die Sendung „Die Armutsindustrie“ des Senders ARD vom 15 Juli 2009 denken.
Dort wurde ein Beschäftigungsträger gezeigt, bei dem Spielzeugspenden auf Funktionsfähigkeit und Vollständigkeit für eine mögliche Weitergabe geprüft
wird. Dort sind auch gespendete Puzzlespiele zu testen. Durch legen!
Da schwärmte eine leitende Person ganz stolz: „Unser Rekord liegt bei einem 5.000er Puzzle bei 10 Tagen. Leider mussten wir anschließend
feststellen, dass drei Teile fehlten.“
Wenn es jemand wagen sollte, mir zu befehlen ich soll so eine scheiß bedruckte Pappe im Wert von 2,50 Euro, 10 Tage lang vor mir hin- und
herschieben um sie anschließend in den Altpapiercontainer zu werfen, dem drehe ich ihr eigenhändig den Hals um!
Aber durch die Hartz-Gesetzgebung wurde solch ein Wahnsinn gesetzlich legitimiert.
Bedauerlicherweise finden sich immer genug Menschen, die so etwas bereitwillig mitmachen. Auf beiden Seiten!
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Exkurs: Ein Schnüffler bei mir zu Haus
12. Juli 2007
Ich wurde schriftlich zur Klärung einer leistungrechtlichen Angelegenheit zur Leistungsabteilung der ARGE gebeten. Gelegentlich male ich mit Ölfarben
ein Bild, fertige ein Objekt oder eine Skulptur an. Dies ist entspannend und produktiv. Das mache ich bereits seit dem Jahre 1993.
Aber leider stimmt der Spruch von Wilhelm Busch: „Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltner wen, der sie bezahlt.“
Eine Einkunftserzielungsabsicht zu haben ist die eine Sache, Einkünfte zu erzielen dagegen die andere.
Irgendjemand hat der ARGE also gesteckt, dass ich ein Hobbykünstler bin und bei mir möglicherweise ein Fall von Leistungsmissbrauch vorliegen könnte.
Schließlich sind die Bilder auf meiner Webseite bepreist - und einige sogar als verkauft markiert. Mit einem roten Punkt - wie in einer echten Galerie.
Es lebe das Denunziantentum.
Ich fuhr an diesem warmen Sommertag mit dem Fahrrad zur Arge. Richtung Stadteinwärts auf dem Radweg neben der vielbefahrenen B54.
Der Gang auf der Etage der ARGE war schmucklos und kahl. Der Raum zu dem ich musste, war nicht schwer zu finden - alles gut durchnummeriert.
Ich klopfte an die Tür und wurde hereingebeten. Nachdem ich Platz genommen hatte warf mir ein Herr Steffen in sachlich und kühlem, aber dennoch
unüberhörbar vorwurfsvollem Ton vor, Betreiber einer virtuellen Gallerie im Internet zu sein. Da ich dieses noch nicht gemeldet hätte, solle
ich doch bitteschön darlegen, welche Einkünfte ich bisher aus selbständiger Tätigkeit erzielt hätte. Ich sagte: „Keine - noch jedenfalls. Dies
versuche ich ja zu ändern. “
So traurig es für den ARGE-Mitarbeiter auch gewesen sein mochte. Noch ist es in diesem Land nicht verboten hobbymäßig erstellte Waren zum
Kauf anzubieten. Darunter fallen auch selbstgemalte Ölbilder, Skulpturen, Kunstdrucke etc. Sogar den Preis darf ich dafür selbst festsetzen.
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Herr Steffen fragte neugierig wovon ich denn die Materialien finanzieren würde. „Ölfarben und Leinwände sind doch bestimmt nicht ganz billig,
kann ich mir denken“, bohrte er nach.
„Leinwände dieser Größe, wie ich sie verwende, sind heute genormte Massenware und nicht unbezahlbar“, klärte ich ihn auf.
„Die Ölfarben dagegen sind in der Tat teuer, zumal ich eine obere Qualitätsstufe verwende, aber dafür rauche ich nicht, trinke nur gelegentlich
ein Glas Wein oder eine Flasche Bier und hole mir seit einiger Zeit einen Teil der Lebensmittel bei der Tafel. Das gesparte Geld investiere ich in
die Kunst“, schob ich rasch hinterher.
„Und Haustiere, außer Silberfische, habe ich auch nicht. Nur gelegentlich bekommen die Meisen, Gimpel
und Grünfinken draußen eine Handvoll Sonnenblumenkörner. Ich bin halt gut zu Vögeln“, ergänzte ich wacker. Das saß! Er verzog die
Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln und schnaufte.
Er bohrte weiter in Richtung „verkaufte“ Werke. Zu den als verkauft gekennzeichneten Werken konnte ich, als erfolgloser Hobbykünstler,
bestätigen, das diese Werke noch in meinem Besitz waren. Mein Wort galt jedoch nichts. Ich wurde verdächtigt ein „subversives Element“ zu
sein. Man „vereinbarte“ einen Besichtigungstermin. Sofort! Umgehend! Wie heißen noch gleich diese Wadenbeißerhunde?
Zuvor musste ich jedoch ein Schriftstück unterschreiben, indem ich bestätige, dass die Preise für die Kunstwerke am Markt (noch) nicht zu erzielen
sind, sich die als verkauft gekennzeichneten Werke noch in meinem Besitz sind, ich den Webauftritt selbst gestaltet habe und
der in Anspruch genommene Webspace mir unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde. Nur Fingerabdrücke wollte man
nicht haben. Das kommt sicher irgendwann noch - alles nur eine Frage der Zeit, dachte ich.
Während ich mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, machte sich ein „Kontrolleur“ auf den Weg. Als ich 20 Minuten später etwas aus der Puste
ankam, wartete er bereits in seinem Wagen vor meiner Haustür. So viel Einsatz wäre bei der Steuerfahndung wünschenswert.
Der „Kontrolleur“, etwas kleiner als ich, so etwa 172 cm, stieg aus seinem Fahrzeug und stellte sich vor. In seinem olivgrünen Parka erinnerte er mich
an einen bestimmten Fernsehkommissar und gab ihm innerlich den Spitznamen „Schimmi“.
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Ich habe nur eine kleine Wohnung gemietet und bezeichne sie häufig abwertend als etwas größere Hundehütte, schließlich darf sie für mich als
Hartz-IV-Bezieher nur so um die 45qm groß sein. Daher habe ich auch in allen Räumen an den Wänden meine Bilder und Objekte hängen.
Irgendwo müssen sie ja schließlich hin.
Den „Kontrolleur“ musste ich folglich auch durch alle Räume führen. Dabei entging mir nicht sein prüfender Blick auf das Bett im meinem Schlafgemach
und auf den Zahnputzbecher mit den verschiedenen Zahnbürsten im Bad. Er fragte jedoch nicht danach, warum dort mehrere drin steckten. Auch
darauf hätte ich ihm eine plausible Antwort geben können.
Natürlich habe ich kein Atelier, bestenfalls ein Wohnraumatelier. Penibel wie ich bin, lagen auch keine mehr oder weniger ausgequetschten
Farbtuben und farbverschmierte Pinsel und Lappen herum, wie man sich einen Schaffensort eines Künstlers so vorstellt.
Dies veranlasste „Schimmi“ zu der Frage wo ich denn die Bilder malen und die Skulpturen fertigen würde.
„Na, hier im Wohnzimmer auf am Tisch male ich die Bilder und die Skulpturen fertige ich in der Küche bzw. sommertags auf dem Balkon“, antwortete
ich. Er äußerte nur ein erstauntes und vielseitig deutbares „aha“. Anschließend ließ er sich die als verkauft gekennzeichneten Kunstwerke
vorzeigen und zog irgendwie etwas enttäuscht von dannen. Seitdem wurde ich nach jedem Folgeantrag auf ALG II um Erklärung meiner Einkünfte
gebeten.
Warum einige Kunstwerke als verkauft markiert sind?
a) wegen der Optik, wie sieht das denn sonst aus ...
b) es gibt auch Werke, von denen möchte ich mich (noch) nicht trennen.
Hätte ich jedoch Einnahmen erzielt, hätte ich sie selbstverständlich der Leistungsabteilung gemeldet. Die Genugtuung, mir endlich ans Bein pissen
zu können, habe ich den ARGE-Mitarbeiten nicht gegönnt.
Ende Exkurs: Ein Schnüffler bei mir im Haus
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Klar, dieser permanente Druck ging auch an mir nicht spurlos vorüber. Ich bin darüber recht grau geworden. Keiner außer mir in der Familie
hat graue Haare.
Auch hatte ich damals darüber nachgedacht, wie schnell man doch durch eine Sprung vor den nächsten herranrollenden 40 Tonner sich dieser
demütigenden Schikane hätte entledigen können.
Aber hätte eine derartige Aktion die Helfershelfer oder gar die Architekten der menschenverachtenden Hartz-Gesetze irgendwie tangiert? Ich denke
sie hätten nur gesagt: Ein Hartz-IV-Bezieher weniger.
Außerdem bin ich nicht der Typ der sich vor den Zug schmeißt - so, wie der Herr Merckle von „ratiopharm“ im Frühjahr 2009 oder der Fußballnationaltorwart
Robert Enke im Herbst 2009.
Kurz danach hat sich die Suizidrate auf sechs pro Tag verdoppelt. 6
Ok, sicher haben auch einige ALG-II-Bezieher dadurch Interesse am Schienenverkehr bekommen.
Ich selbst bin da eher der Typ der vorher ordentlich auf- beziehungsweise abräumt, so dass es sich für mich lohnt und gehörig rappelt im Karton.
Installation: Arsch mit Arm
Damals habe ich die Welt lieber mit einem Kunstwerk beglückt:
„Arsch mit Arm“ - das war mein Frustabbauprogramm.
Abb. 2: „Arsch mit Arm“, 2007, 27x49x55cm, Material: Gips, Holz, Lack
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6 RuhrNachrichten vom 25.11.2009
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Man kann kleine Etiketten mit Wörtern an dem Gesäß und an dem Arm befestigen um eigenen Gedanken und Gefühlen eine Verortung zu geben.
Für die Präsentation hier habe ich für das Gesäßteil das Wort „Erdklima“ und für den Arm das Wort „Globalisierung“ gewählt.
Andere vorbereitete Etiketten tragen die Aufschrift: „Ich“, „Familie“, „Neoliberalismus“, „Kapitalismus“, „Kommunismus“, „Die Reichen“,
„Die Armen“, „Armut“, „Menschheit“, „Schicksal“, „Arbeitgeber“, „Arbeitnehmer“ ... nun kann man spielen ;-)
Ähm ... kleiner Tipp. Bei solchen Gipsaktionen die entsprechenden Körperpartien vorher guuut enthaaren und eincremen. Sonst zieept es ganz ordentlich.
Ach ja, der Gips wird beim Erhärten angenehm warm.
19. Juli 2007
In den RuhrNachrichten war zu lesen: „Akademiker ins Handwerk“. In dem Artikel ging es darum, dass
die Handwerkskammer Dortmund ebenfalls so eine äußerst fragwürdige Geschichte anbietet:
Ein einjähriges Projekt „Management-Trainee für Akademiker“.
Als Weiterbildung getarnt werden auch hier jedes Jahr erwerbssuchende Menschen einer Beschäftigungstherapie
ohne akademischen Anspruch unterzogen, ähnlich wie bei den Unternehmen F.-P. GmbH, concada GmbH Dortmund, C.C. usw.
Inklusive fünfmonatiges Praktikum beträgt diese Variante der Handwerkskammer Dortmund genau ein Jahr! - Auf Steuerzahlerkosten natürlich.
Das Ganze wird mit Geldern des Landes NRW und der EU gefördert.
Auch hier wird suggeriert, dass den Teilnehmern eine berufliche Karriere bevorsteht - klar, nur was für eine!
--> gelernter und zertifizierter Praktikant <--
Die Wirtschaft stößt sich gesund an Praktikanten. Ich befürchte,
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dass gerade durch diese Praxis immer weniger Normalarbeitsverhältnisse entstehen. Beziehungsweise, um an diese Jobs zu kommen, muss man
sich erst einmal für eine gewisse Zeit kostenneutral von den Unternehmen ausbeuten lassen. Das beginnt schon bei den Schulabgängern.
Statt eine Ausbildungsstelle zu bekommen, dürfen sich viele erst einmal durch ein Praktikum einbringen. Manche können eine ganze Reihe
davon vorweisen.
Neoliberaler geht es nicht mehr.
Viele hundert Menschen in, und aus, Dortmund dürfen sich mittlerweile in Praktika verdingen. Ein Großteil von der ARGE dazu wirtschaftlich genötigt.
Dies bedeutet ein Paraktikum auf Hartz-IV-Niveau, also unterhalb des Existenzminimums. Wer Glück hat, dem werden bestenfalls die Fahrkosten erstattet.
Da wird selbst der an die Gemeinnützigkeit gebundene Ein-Euro-Job besser vergütet.
Und die Uni-Absolventen? Die erste Garde wird schon an der Uni aussortiert und abgeworben. Die zweite Garde benötigt etwas Zeit für die
Jobsuche - der übrig gebliebene Rest und die ehedem Geschassten dürfen nun für die Weiterbildungsindustrie instrumentalisiert werden - natürlich
zu hohen Kosten - auf Kosten der Steuer- und Beitragszahler. Die Weiterbildungsindustrie lässt sich ihre Lehrgänge schließlich gut bezahlen.
Lediglich die Dozententätigkeit wird oft niedrig vergütet. Die Geschäftsführung dafür umso üppiger.
Niemand sollte ernsthaft glauben, dass dieses perfide Spiel nicht von vielen durchschaut würde. Dazu ist es zu offensichtlich.
Natürlich schaffen einige besonders Engagierte, zum Beispiel aus einem Praktikum, den Sprung in eine feste Stelle - die Möglichkeit besteht immer.
Also für den einen oder anderen gibt es dieses Sprungbrett schon. Gerade dies wird ja in der Diskussion immer vorne angeführt.
Dadurch erhält das Instrument ja seine Existenzberechtigung.
Das heißt, die Recruitierung von Personal geschieht mithin, und möglicherweise sogar zunehmend, durch den Praktikantenpool.
Jedoch ist ein Großteil der Praktikanten nach dem Praktikum auch wieder draussen. Das war auch in meiner Maßnahme so.
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Merke: Nur die Harten kommen in den Garten - die Weichen kommen zwei Meter tief unter die Eichen!
Zuvor müssen alle ordentlich strampeln und Leistung zeigen - und wehe, einer bockt.
Die Menschen haben mit ihrer subventionierten Arbeit den Wohlstand der Unternehmen gemehrt.
Ein Schelm, wer da nicht an eine versteckte Subventionierung denkt - auf den Knochen der Menschen die so schamlos ausgenutzt werden.
Das Vertrauen in dieses Wirtschaftssystem ist mittlerweile bei Millionen Menschen langsam aber sicher zutiefst erschüttert worden.
Und das nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise.
23. Juli 2007
Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei einem innovativen Unternehmen im Technologiepark Dortmund.
Hier hätte ich gerne ein Praktikum gemacht - auch fünf Monate - weil mich die Produkte interessieren und Chef wie Personaler ganz ok schienen.
Leider ist daraus nichts geworden, jemand anderes wurde vorgezogen. Man kann nicht immer gewinnen.
Natürlich hatte ich in diesen Monaten etliche Bewerbungen auf Fest- sowie Praktikumsstellen geschrieben, ganz klar.
Diesem Wahnsinn durch die Annahme einer regulären und sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen entgehen zu können, diese Chance
hätte ich natürlich genutzt. Ist ja auch ganz im Sinne der ARGE.
07. August 2007
Ich hatte mal wieder ein Vorstellungsgespräch! Die concada GmbH Dortmund teilte mir eine Woche zuvor mit, dass sich die Firma L. L.. aus
Dortmund, nähe Flughafen auf unseren Flyer gemeldet hätte und Leute im
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Bereich Projektmanagement suchen würde - ich möge mich dort umgehend telefonisch melden.
Das tat ich - und verabredete mit dem Leiter QM + IT, meine Unterlagen per E-Mail zuzusenden.
Dann also das Vorstellungsgespräch bezüglich eines „Training on the Job“ bei der Firma.
Angebot: Viel Arbeit. Ein detaillierter Arbeitsplan wurde mir gereicht.
Unter „Training on the Job“ verstand man dort: Arbeiten wie in einem bezahlten Job. Volles Programm.
Es sollte wirklich kein „Kaffeekochen“ sein.
Die Frage, ob es denn eine irgendwie gelagerte Bezahlung während der fünfmonatigen Praxisphase gebe, wurde verneint,
das Bugdet sehe leider nichts vor.
Also kein Geld - noch nicht mal einen Zuschuss zum Kantinenessen, stellte ich fest.
Ein fetter, feister Personalchef, mit glänzendem Mondgesicht dem der Speck nur so aus dem viel zu engen Anzug quoll, sagte in einer
offensichtlich gierigen, bereits händereibenden Art zu mir:
„Sie bekommen doch Geld von dem Arbeitsamt. Reicht das nicht?
Sie sammeln doch schließlich Erfahrungen - das ist doch auch etwas wert.“
Wie tief, menschlich gesehen, kann ein Personalchef eigentlich sinken?, war mein erster Gedanke.
Ich war erschüttert und sagte: Eine Tätigkeit zu derartigen Bedingungen nennt man „Arm trotz Arbeit“.
Meine Frage, ob es denn nach der Praxisphase die Möglichkeit der Übernahme gibt, wurde verneint.
Ich sagte, dass bei einer dreimonatigen Praxisphase ich dies möglicherweise noch hinnehmen könne - so wie es auch in dem SGB III
stehe und auch ein Gericht dies noch im März bestätigt habe, jedoch bei einer fünfmonatigen Zurverfügungstellung von Arbeitskraft
eine geringe Vergütung sicher motivierend wäre.
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„Aber die Verträge sehen doch ein Praktikum von fünf Monaten vor“, wurde mir von Herrn S. entgegnet.
Ich sagte daraufhin, dass eben manche dieser Programme mit heisser Nadel gestrikt seinen.
Natürlich erwähnte ich, dass ich ja in erster Linie an einer bezahlten Tätigkeit interessiert sei und es begrüßen würde, wenn
sich hier eine Möglichkeit bieten täte. „Diese Möglichkeit sei im Stellenplan jedoch nicht vorhanden“, entgegnete man mir.
Da ich zuvor jedoch die Webseite besuchte, wusste ich, dass dort acht Positionen für Akademiker vakant waren.
Man verabschiedete sich recht kühl.
16. August 2007
Tribunal war angesagt! Die Situation erinnerte mich an die Inquisition.
Man wünschte mich in der Mittagszeit zu sprechen. Mein Fallmanager, der Herr Kxxxx, war zu „Besuch“ - in einem seeeehr schicken grauen
Nadelstreifenanzug, Hemd und Krawatte. Ich wurde gefragt ob ich etwas trinken wolle. Mein Wunsch nach einer Tasse Kaffee wurde erfüllt.
Frau M. und Frau S. und der Herr Kxxxx warfen mir in dem darauf folgenden Gespräch vor, nicht willig zu sein, die so liebevoll angebotenen
Praktikumsplätze anzunehmen und auch noch negativ über die concada GmbH Dortmund zu reden.
Ich solle gesagt haben: Die „concada GmbH Dortmund arbeite am Rande der Legalität“.
Natürlich sagte ich das nicht. Der Personaler hat das möglicherweise nur so verstanden, weil ihm klar wurde, dass ich das perfide System durchschaut hatte.
Erstaunlich ist der gemachte Aufstand dann nicht. Ich fragte mich: Gibt es hier in der Nähe etwa ein Wespennest?
Geldkürzung bzw. Leistungstreichung und die Vernichtung meiner wirtschaftlichen Existenz schwang im Raum. Herr Kxxxx von der ARGE Dortmund meinte,
ich hätte durch mein Verschulden die (äußerst vage) Chance auf einen (bezahlten) Arbeitsplatz wissentlich vertan, was ihn dazu berechtigt Sanktionen
auszusprechen.
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Ich musste mich verteidigen, erzählte den Sachverhalt und erwähnte, dass es bei der Dortmunder Firma L. L. nicht um einen Arbeitsplatz ging.
Natürlich war ich nicht enthusiastisch, natürlich bin ich kein Naivchen - und - war es denn moralisch verwerflich nach einer Vergütung zu fragen?
Mir wurde entgegnet, das ich die Chance auf einen Arbeitsplatz durch die gewonnenen Kenntnisse und Erfahrungen erheblich verbessern könne und außerdem wäre die
Erfolgsquote bei concada GmbH Dortmund ja bei 80 Prozent - sorry, aber mir wurde berichtet, wie diese Zahlen zustande kommen - jeder Abgang in sozialversicherungspflichtige Arbeit
wird als Erfolg verbucht, unabhängig davon, wie und durch wen er zustande kommt.
Und wenn es so wäre - nicht jedes Mittel wird durch den Zweck geheiligt. Die grundgesetzlich verbrieften Menschenrechte in diesem Land sollten vor gehen.
Möglicherweise wurde sogar die Dame mitgerechnet, die sich einige Wochen zuvor, an ihrem Geburtstag, auf dem Weg zum Praktikum früh morgens mit ihrem Wagen
um einen Baum gewickelt hat. Suizid??
Somit versuchte man mir schon wieder einen Bären aufzubinden. Wir Akademiker wurden und werden offenbar nicht gerade für voll genommen.
Das sieht man ja schon daran, dass die Personaler Rückmeldung geben, dass man Auskunft über unser Auftreten erteilt. Die ARGE-Mitarbeiter treten auf wie Erziehungsberechtigte.
Ich stelle fest: Das Firmennetzwerk (ca. 250 Unternehmen), dass concada GmbH Dortmund unterhielt, war intensiv geknüpft - die Bande war offenbar stark.
Man vertraute sich, man sprach sich offenbar intensiv ab und aus. Von mafiösen Strukturen wollte ich damals natürlich nicht sprechen.
Jedenfalls noch nicht.
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Bezüglich der fünf Monate Praxisphase sagte Frau S., dass ich ja einen Vertrag unterzeichnet hätte.
Natürlich - neben der Unterschrift steht in Druckschrift „Zur Kenntnis genommen“. So macht man doch keine Verträge, sagte ich ein wenig trotzig.
Die drei Personen schauten sich ein wenig irritiert an. Sie hatten wohl erwartet, dass ich dasitze wie im Büßerhemd.
In Anbetracht der drängenden Zeit, die Theoriephase lief ja Ende August ab, verlangte man von mir in den nächsten Wochen intensivste Bemühungen um einen
Praktikumsplatz - Bundesweit!
Natürlich für einen Praktikumsplatz - von „Training on the Job“ war schon lange keine Rede mehr. Ich wurde aus dem Raum hinauskomplimentiert.
Die Tasse Kaffee hatte ich nicht angerührt.
Den psychischen Druck bekam auch die labilste Dame in unserer Truppe, Frau K., zu spüren - in hohem Maße suizidgefährdet brach sie vor uns
des öfteren in Weinkrämpfe aus. Von uns konnte ihr niemand helfen. Auch andere wurden massivst unter Druck gesetzt. Es gab reichlich Krankmeldungen.
Zwei Stunden später berichtete ich all dies unserem Personalentwickler, dem Herrn B. Er lief mir im Hause über den Weg. Er hielt die Vorgehensweise
der concada GmbH Dortmund für in höchstem Maße unprofessionell.
Mittlerweile fühlte er sich auch unwohl in seinem Job bei concada GmbH Dortmund und beeilte sich zu erwähnen, dass er doch, wie ich ja wüsste, schon immer
sozial eingestellt war und sei. Erzähl du mal, Schätzchen, dachte ich.
Mein Fazit:
Nix da mit „auf gleicher Augenhöhe“. Nichts da mit: „auch mal Forderungen stellen“.
Nichts da mit „man muss sich nicht alles gefallen lassen“ - wir hatten zu „fressen“, was man uns vorwarf.
Letztendlich ging und geht es nur um kostenlose Arbeitskräfte für die Industrie - wer nicht mitspielen will, wird wirtschaftlich vernichtet!
Es geht um einen Milliardenmarkt!
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27. August 2007
Sehr gerne hätte ich einen bezahlten Job haben wollen - ich verlangte doch schon gar nicht viel - bin bescheiden geworden - offenbar
war ich nur noch kostenlos interessant.
Bei der Sendung REPORT MAINZ in der ARD um 21:45 Uhr gab es unter anderem das Thema:
„Die Null-Euro Jobber - wie Hartz IV-Empfänger zu kostenloser Arbeit gezwungen werden.“
Endlich hatte dieses brisante Thema Eingang in die Medien gefunden.
Dort war sogar ein „philanthropischer“ CDU Landrat im Kreis Düren der Ansicht: „Der Praktikant bekommt Geld vom Staat, und dieses Geld
verpflichtet ihn, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen.“ - Sprich: Der Unternehmerschaft kostenlos zu Diensten zu sein. So viel
Christlichkeit ist doch überwältigend!
Ver.di Chef Frank Bsirske sagte im Interview mit REPORT MAINZ: „Ich hätte den Behörden einiges zugetraut, aber eine solche Art der Geschäftemacherei, die darauf hinausläuft, private
Unternehmen zu bedienen, indem ihnen im Grunde Billigstarbeitskräfte zugewiesen werden, das hat bis vor kurzem mein Vorstellungsvermögen überstiegen.“
Willkommen in der Realität.
„Es gebe Betriebe, in denen weit mehr als zehn Prozent der Beschäftigten mit vagen Aussichten auf einen möglicherweise befristeten Arbeitsvertrag
bei gleichzeitiger Bedrohung ihrer Mindestsicherung monatelang arbeiten müssten, um nach Ablauf des Praktikums schließlich durch den nächsten
Langzeitarbeitslosen ersetzt zu werden. Die Menschen werden letztlich gezwungen, jene regulären Arbeitsplätze zu vernichten, die sie eigentlich
vermittelt bekommen müssten“7, sagte Bsirske und fordert
die Bundesregierung auf, den rechtswidrigen Praktiken umgehend entgegenzutreten.
Mein Reden! - Ich hatte also das richtige Gespür für diesen Skandal.
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7 http://presse.verdi.de/pressemitteilungen/showNews?id= 4b77e8e6-5564-11dc-77be-0019b9e321cd
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28. August 2007
Innerlich enorm aufgewühlt und auch verärgert darüber, dass man ganz bewusst mit uns dieses üble Spiel trieb, fuhr ich an diesem Tag zur
concada GmbH Dortmund.
Als ich dort angekommen umgehend ins Büro schritt und Frau M. fragte, ob sie die Report Sendung gestern gesehen hätte verneinte sie und
fragte, um was es denn ginge.
Ich klärte sie darüber auf, woraufhin sie, ohne mir ins Gesicht zu sehen, meinte: „Haaach, Herr Obergassel - sie hängen sich da viel zu sehr rein -
stecken Sie Ihre Energie besser in die Bewerbungen.“
Das musste ich mir von einer gerade mal 25 jährigen Person sagen lassen! Ich empfand dies als
eine nicht zu überbietende respektlose Unverschämtheit, sich nicht mit der möglichen ethischen Verwerflichkeit ihres eigenen Handeln befassen zu wollen.
29. August 2007
Ein Wunder! Die Bundesagentur für Arbeit hat Fehlverhalten bei der Praktika-Vergabe eingeräumt.
Das Bundesministerium für Arbeit wolle „Missbrauch vor Ort prüfen“, hieß es plötzlich.
Der Sprecher der BA, John-Phillipp Hammersen räumte gegenüber Report Mainz ein:
„(...) dass die örtlichen Arbeitsverwaltungen noch einmal darauf hingewiesen würden, in Zukunft nur Praktika im
Rahmen der gesetzlichen Grundlagen zuzulassen.“ 8
Jetzt wurde die Bundesagentur aber kleinlaut. Sie hat also die eigenen Gesetze gebrochen. Bzw. sich nicht an sie gehalten.
(hier § 49 SGB III ) Und zwar ganz bewusst nicht. Das darf man getrost unterstellen. Schließlich steckt in dem Ganzen System.
30. August 2007
Ich habe die Texte des SWR und die ver.di Pressemitteilung daraufhin Frau F. von der concada GmbH Dortmund gezeigt und sie gefragt, ob ich mich nun für ein drei- oder für ein
fünfmonatiges
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8 http://www.swr.de/report/presse/-/id=2527310/property=download/ nid=1197424/1vzmt4b/index.rtf
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„Training on the Job“ bewerben solle. Darauf entgegnete sie, „Das hat sich für Sie eh erledigt - wir reden später noch einmal miteinander.“
An diesem Tag war man jedoch unglaublich beschäftigt und vertagte dieses angekündigte Gespräch. Man wollte also nicht mit mir über dieses
Thema reden.
31. August 2007
Natürlich war ich ein Querulant. Unter diesen Umständen sogar recht gerne. Als ich am darauffolgenden Tag im Büro nachhakte, wurde mir dann
mitgeteilt, dass ich mich am Montag den 03. September 2007 bei meinem Fallmanager melden sollte. Man hätte mein Erscheinen telefonisch angekündigt.
Die concada GmbH Dortmund hatte ihm mitgeteilt, dass ich nicht kooperativ sei und sie keinen Sinn darin sähen, dass ich mich weiterhin bemühen würde.
3. September 2007
Mit einem mulmigen Gefühl fuhr ich zur ARGE Dortmund. Das Büro meines Fallmanagers war verschlossen. Ich klopfte an die Nebentür und fragte nach
Herrn Kxxxx. Ich erfuhr, dass mein Fallmanager angeblich Urlaub hatte. Der Vertreter war merkwürdigerweise auch nicht zugegen. Ich solle am
Empfang einen neuen Termin vereinbaren, wies man mich an.
Ich ging also wieder hinunter zum Empfang, um mir einen neuen Termin geben zu lassen. Der Dame am Schalter gab ich meine „Kundennummer“ an und bat um einen Termin bei meinem Fallmanager.
Irgendwie brauchte sie eine Weile. Eine verdächtig lange Weile. Es schien viel Text auf dem Monitor dort zu stehen. Sie las ihn bedächtig.
20 Sekunden lang? 30? 40? Ich schaute sie fragend an und sie sagte mir, im Computer stünde:
„Maßnahmeabbruch durch Fehlverhalten von Herrn O.“
Ok, dachte ich mir. Bei der ARGE können ja nicht die Schnellsten arbeiten, sonst wären sie ja in der freien Wirtschaft gesuchte Leute.
Aber sooo lange für einen einzigen Satz? Ich durfte also davon
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ausgehen, dass dort ein ganzer Bericht stand.
Natürlich wollte ich diese Aussage so nicht akzeptieren und beeilte mich zu sagen, dass das Fehlverhalten nicht auf meiner Seite lag.
Aber das schien die Dame nicht zu interessieren. Sie gab mir einen Termin für den 10. September, schrieb ihn auf ein Zettelchen, schob mir dieses
durch die Öffnung des Glaskastens in dem sie saß hindurch und wünschte mir noch einen guten Tag.
Ich befürchtete, man wollte von mir die 30 Prozent der Maßnahmekosten (von 4143,96 Euro) erstattet haben, zu deren Rückzahlung man
mich bei eigenverschuldetem Maßnahmeabbruch zwangsverpflichtet hatte - ich durfte die Unterschrift unter der Eingliederungsvereinbarung
ja nicht ablehnen. Ich bin mir sicher, dass selbst Außenstehende nachvollziehen können, dass ich über einen langen Zeitraum ein Hasskappe trug.
4. September 2007
Per Einschreiben kam die Aufforderung zur Stellungnahme über mein vereinbarungswidriges Verhalten während der Theoriephase
bezüglich der Praktikumsplatzsuche. Ich hätte aktiv verhindert einen Praktikumsplatz zu bekommen, womit der Tatbestand für den Eintritt einer Absenkung
oder Wegfalls des Arbeitslosengeldes II gem. § 31 des zweiten Buches Sozialgesetzbuch (SGB II) gegeben sei, hieß es dort.
§ 31 SGB II - das ist der berüchtigte Sanktionsparagraf. Das Instrument zur Erniedrigung und wirtschaftlichen Vernichtung von Menschen.
Der Paragraf der den Erwerbslosen Gehorsam gegenüber Arbeitgebern lehren soll. Der ihre Aufmüpfigkeit, ihren Widerstand brechen,
den letzten Rest ihrer Würde nehmen soll. Der es ihnen unmöglich macht Lohn und Gehalt mit einem Arbeitgeber frei auszuhandeln.
Mir wurde die Gnade erwiesen mich schriftlich bis zum 21.August 2007 äußern zu dürfen.
Ich halte fest: In dieser Gesellschaft gilt der Grundsatz: Keine Strafe ohne Schuld.
Warum wurde ich mit Freiheitsentzug bestraft? Mir wurde die Freiheit genommen, „Nein“ sagen zu dürfen!
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Im Umkehrschluss bedeutet dies, erwerbslos zu werden ist offenbar eine strafbare Handlung die sanktioniert werden muss.
Damit wären wir wieder bei dem offenen Strafvollzug wie der dm-Drogeriekettenbesitzer Götz W. Werner es formuliert.
27. September 2007
Es kam, wie es kommen musste. Die ARGE kürzte mir von den 347 Euro ALG II 30 Prozent der Leistung für drei Monate.
Das, was ich in der Anhörung geschrieben hatte, sei nicht relevant, beschied man mir. Die Aktenlage sei eindeutig.
ICH - hätte nun die Maßnahme abgebrochen, hieß es in dem Schreiben.
Das war blanker Unsinn. Das wussten alle Beteiligten.
28. September 2007
Also wollte ich die Sache auch bis zum Ende durchziehen. Ich ging zum Amtsgericht.
Die Rechtpflegerin beim Amtsgericht, bei der ich war sagte, dass sie keine Chance sehe dagegen anzugehen.
„Solche Konstrukte sind so gemacht, dass man immer auf die Nase fällt, wenn man nicht zu allem 'Ja und Amen' sagt“, meinte sie.
Jedoch bestand ich darauf den Beratungsschein für den Anwalt zu bekommen.
Irgendwie wurde mir immer klarer, wie Deutschland zu seiner unrühmlichen Vergangenheit gekommen ist.
Es begann damals schließlich auch mit einer Entrechtung und Stigmatisierung von Millionen Menschen - so wie heute wieder.
Und - eigentlich interessiert es das Bürgertum nicht, oder will sich nicht damit belasten.
Diejenigen, die davon nicht tangiert und betroffen sind, sind heilfroh darüber, nicht zu den Ausgegrenzten zu gehören.
Diejenigen, die betroffen sind, kämpfen gegen Windmühlen.
01. Oktober 2007
Mit dem Beratungsschein in der Hand stiefelte ich also zu einem
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Anwalt für Sozialrecht in meiner Wohnnähe und erzählte ihm meine Geschichte.
Mit Freude nahm er sich meines Falles an und setzte ein Schreiben (den Widerspruch) auf, in dem
die ARGE Dortmund aufgefordert wird, die angedrohte Sanktion zurückzunehmen, andernfalls werde man vor das
Dortmunder Sozialgericht ziehen. Natürlich hätte ich auch dieses durchgezogen bis zum Ende, keine Frage.
01. November 2007
Die ARGE Dortmund kürzte das ALG II wie angekündigt.
28. November 2007
Der Anwalt übersandte mir schon mal den Antrag auf Prozesskostenhilfe.
11. Dezember 2007
Der Anwalt schrieb nochmal zur ARGE Dortmund und bat um Bescheidung des Widerspruches.
18. Januar 2008
Der Anwalt teilte mit, dass die ARGE Dortmund den Bescheid über die Sanktionierung vom 25. August 2007 abändert und
die Sanktionierung für die drei Monate (November 2007 - Januar 2008) aufhebt.
Die Aufhebung des Bescheides erfolgte aufgrund eines formalen Fehlers.
Die Leute bei der ARGE Dortmund wussten schon was sie zu verlieren gehabt hätten, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung gekommen wäre.
Wäre man Gefahr gelaufen, dass mafiöse Strukturen aufgedeckt worden wären?
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13. Februar 2008 Nachtrag Exkurs Praktikum
Die Gerichte stimmen mitlerweile zu, dass der Zwang zur Unterzeichnung einer Eingliederungsvereinbarung nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Bayrisches Landesgericht (L 7 B 366/07 AS ER - 01.08.2007):
„Vertragliche Vereinbarungen müssen auf Freiwilligkeit im Sinn autonomer Entscheidungen beruhen. Hilfeempfängern darf zwar 'zugeredet' werden, ihre Entscheidung, eine
Eingliederungsvereinbarung abzuschließen, muss jedoch letztlich Ausdruck der Selbstbestimmung bleiben. Damit verträgt sich die Ausübung von Zwang nicht; diesbezüglich
sei auf den Rechtsgedanken des § 123 BGB hingewiesen. Ein unter diesen Umständen abgeschlossener 'Vertrag' trägt Züge eines Formmissbrauchs; in Wahrheit nämlich handelt
es sich möglicherweise um einseitiges Diktat.“
Sozialgericht Dortmund (S 28 AS 361/07 ER - 18.09.2007):
„Der Zwang zum Abschluss einer Eingliederungsvereinbarung gem. §§ 15 Abs. 1 Satz 6, 31 Abs. 1 S. 1 Nr. 1a SGB II stellt einen Eingriff in den Schutzbereich der in Art. 2 Abs. 1 GG
normierten Vertragsfreiheit dar. Die Kammer schließt sich insoweit der Auffassung des LSG Niedersachsen-Bremen (Az.: L 8 AS 605/06 ER) an, dass dieser Eingriff in die Vertragsfreiheit
aufgrund eines Verstoßes gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt ist.“
01. Juni 2008 Nachtrag Exkurs Praktikum
In einem Artikel der RuhrNachrichten vom 31.05.2008 wurde Victoria Ouw-Welkerling, Beraterin beim Career Service der Universität Duisburg-Essen, zitiert.
„Für sie, die Studierende und Absolventen berät, gibt es eine klare Regel:
Während des Studiums sind Praktika grundsätzlich sinnvoll, nach dem Studium allerdings rät sie dringend davon ab.
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Ein Praktikum nach dem Studium mache sich nicht so gut im Lebenslauf.
Stattdessen empfiehlt die Karriereberaterin Trainee-Programme, die in der Regel hoch vergütet werden.“
Wir, die Teilnehmer an dieser „Weiterbildungsmaßnahme“, sollten von vorn herein nur verscheißert und
ausgenutzt werden!
07. Januar 2009 Nachtrag Exkurs Praktikum
Die Westfälische Rundschau berichtete: „Praktikanten haben Anspruch auf vollen Lohn für ihre Arbeit, wenn sie tatsächlich als Arbeitskraft
eingesetzt werden.“
So hat das Arbeitsgericht Kiel entschieden (Az: 4 Ca 1187d/08). In diesem Fall ging es um einen Praktikanten im Altenheim, der sich dort für ein
knappes Jahr in einer „berufsvorbereitenden Maßnahme“ befand - bei 38,5 Wochenstunden für 200 Euro/Monat.
Den versprochenen Ausbildungsplatz im Anschluss als Altenpfleger hat er natürlich nicht bekommen, daraufhin hat dieser dann den Heimbetreiber
auf Nachzahlung einer Vergütung für Wohnbereichshelfer verklagt und in vollem Umfang Recht bekommen. 10.317 Euro - so berichtet die WR.
22. September 2009 Nachtrag Exkurs Praktikum
In der „Welt“ stand:
„Das Bundessozialgericht schränkt die Rechte von Hartz-IV-Empfängern ein. Demnach dürfen die Behörden Arbeitslose verpflichten, zur Wiedereingliederung
in den Arbeitsmarkt Bewerbungstrainings, Praktika oder Kurse zu besuchen.“
Ich finde die Entwicklung in diesem Land in höchstem Maße bedenklich.
Ende des Exkurses: Der Zwang zur Annahme eines Praktikums
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Der nächste Fallmanager, bitte.
21. Februar 2008
Nach der Katastrophe des Praktikums - nach dem fast alle Teilnehmer die eines absolviert haben, auch wieder arbeitslos wurden, hatte sich mein Fallmanager
Herr Kxxxx hochgedient und wurde nun mit anderen Aufgaben im Hause betraut.
Meine Fallmanagerin war nun die Frau Sxxxxxx. Eine kleine, zierliche Frau, die bestimmt bitter darunter litt, dass sie wesentlich älter aussah, als sie war.
Zum Lachen ging sie vermutlich in den Keller!
Vielleicht ging sie aber auch in den Keller um dort ganz bitterlich vor sich hinzuweinen. Ich schätzte aufgrund der Tiefe ihrer Falten, dass dies recht häufig geschah.
Viel häufiger jedenfalls als das sie zum Lachen in den Keller ging. Denn Lachfalten sehen anders aus.
Ihre Begrüßung erinnerte mich irgendwie an einen Kasernenhofton. So kurz und schneidig.
Gleich zu Beginn verlangte sie meine Bewerbungsbemühungen zu sehen, die ich laut ihrem Anschreiben in Form von Duplikaten, Absagen oder
Eingangsbestätigungen mitzubringen hatte. Sie zählte die Bewerbungsnachweise akribisch und betont langsam durch. Zwei mal!
Wie eine Oberlehrerin, die mit Inbrunst bei einem ungezogenen Schüler die Hausaufgaben ganz besonders penibel kontrolliert.
Nur zu gerne hätte sie eine Abweichung der in der Eingliederungsvereinbarung geforderten Zahl der Bewerbungsbemühungen entdeckt, oder
irgendeinen anderen Fehler, mit dem sie die Wichtigkeit ihrer Person durch Verhängung einer Sanktion hätte zum Ausdruck bringen können.
Ein echtes Arbeitsangebot mit Erwerbseinkunfterzielung hatte sie natürlich nicht für mich. „Aber einen Ein-Euro-Job kann ich Ihnen anbieten.“,
sagte sie. So schnell, dass mir klar war, das dieses Angebot zu unterbreiten ihr eigentliches Ziel dieser heutigen „Vorladung“ gewesen sein muss.
Sie blickte mich an. Ihre Mundwinkel verzogen das Gesicht zu einer hinterhältig grinsenden Maske. „Eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung!“,
sprudelte es aus ihr heraus. So, als klinge die behördliche Ausdrucksweise akademischer und nicht ganz so bedrohlich.
In ihren Augen erblickte ich so etwas wie innere Befriedigung.
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A-r-b-e-i-t-s-g-e-l-e-g-e-n-h-e-i-t! Man tut so als sei es eine reguläre Arbeit. Wenn man Pech hat, darf man
auch schuften wie in einer richtigen Arbeit - nur bezahlt wird sie nicht dem entsprechend.
Das ist Ausbeutung.
Das andere Extrem: Ein Ein-Euro-Jobber von einem dortmunder Beschäftigungsträger, den ich bei mir im Stadtbezirk einmal ansprach, erzählte mir,
es würde eineinhalb bis zwei Stunden pro Tag die Stadtbotanik geputzt und die restliche Zeit durfte verquatscht werden.
Wenn ich nicht wüsste, dass auch im öffentlichen Dienst die Verdichtung der Arbeit durch Schließen der „Poren“ in den letzten Jahren enorm
zugenommen hat, wäre der Gedanke nicht vollkommen abwegig, in dieser Maßnahme eine Vorbereitung auf den öffentlichen Dienst zu vermuten.
Für mich ist solch ein aufgezwungener Leerlauf nichts anderes als verplemperte und geraubte Lebenszeit, die
zumindest ich persönlich wesentlich sinnvoller zu nutzen weiß.
Das Ziel solcher Maßnahmen ist angeblich die Gewöhnung Erwerbsloser an regelmäßige (Arbeits-)Abläufe. Könnte es nicht eher sein, dass
Erwerbslose aus dem öffentlichen Raum verbannt werden sollen um andere Arbeitnehmer nicht zu demoralisieren, bzw. sie gar nicht erst auf die
Idee einer Forderung nach einer besseren Verteilung von Arbeitsvolumen und Arbeitszeit kommen zu lassen?
„Alternativ gebe es auch etwas im Call-Center“, sagte Frau Sxxxxxx so spontan, als sei es ihr
Standardrepertoire. (Call-Center - eine ethisch verwerfliche Sache, halb kriminell
also, wie heute hunderttausende Menschen sicher bereitwillig bestätigen können)
Mal so am Rande. Wären die Call-Center-Jobs seriöse Jobs, so wäre dies ja kein Problem gewesen.
Aber bei vorwiegend alten Menschen rechtswidrig, es handelt sich ja hier um eine Ordnungswidrigkeit, und unverlangt aus rein kommerziellem Interesse, anzurufen um
ihnen Lotterielose, Zeitungsabos und anderen Mist anzudrehen - also, das muss doch keiner haben, das geht gar nicht!
Ich eröffnete ihr, dass ich im Grunde ein Mensch bin, der nicht ausgeprägt kommunikationsstark sei. „Ich rede nicht gerne“, entgegnete ich ihr als sie fragte, was dies
denn bedeuten solle. „Dann sollten sie es lernen“, herrschte sie mich an. Irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, es mit einem gutherzigen und verständnisvollen Menschen
zu tun zu haben. Philanthropen sind definitiv anders!
Ob jemand extrovertiert oder introvertiert ist, dies ist eine Charaktereigenschaft.
Das man diese nicht so einfach, wenn überhaupt, ändern kann, auf die Idee ist sie noch nie gekommen.
Sie „versprach“ mir ein Ein-Euro Job-Angebot in den nächsten 14 Tagen zuzusenden.
Und nun solle ich gefälligst die Eingliederungsvereinbarung unterzeichnen oder mir würde das ALG II gekürzt, schnauzte sie mich
wieder in ihrem militärisch schneidigen Ton an.
Manchmal wünscht man sich altertümliche Zeiten wieder zurück!
Mit großen lodernden Reisighaufen.
In Gedanken malte ich mir aus, sie - diese Fallmanagerin - hätte damals gelebt und rote Haare gehabt. Sie hätte eine hübsche Fackel abgegeben.
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Diesmal unterschreib ich die Eingliederungsvereinbarung, mit der per Gesetz (SGB II) das Grundgesetz (Artikel 12) gebrochen wird, so wie unsere
SPDCDUGRÜNEFDP-Politiker dies wollen und uns eingebrockt haben, „unter Vorbehalt“ und machte eine zusätzliche Anmerkung:
„Für den Fall, dass ein oder mehrere Teile dieser Vereinbarung grundgesetzwidrig sind oder gegen andere Gesetze verstoßen, behalte ich mir rechtlich Schritte
und Schadenersatzforderungen gegenüber der ARGE Dortmund und dem Maßnahmeträger vor. “
Ich gebe zu: Mir zitterte leicht die Hand. Schönschrift musste es ja auch nicht werden. Dennoch ist es bewundernswert, wenn
jemand in dieser Situation absolut cool bleiben kann. Aber dazu war ich innerlich zu aufgewühlt.
Es kam in den Wochen darauf kein Ein-Euro-Job-Angebot. Dafür kamen aber einige Jobangebote. Häufig erst mündlich angekünfigt per Anruf auf
mein Mobiltelefon und schriftlich nachgereicht. Manchmal nur schriftlich. Diese Angebote lagen so weit neben meiner Qualifikation und meiner
körperlichen Konstitution, dass die Bewerbungen von vornherein aussichtslos und damit Zeitverschwendung waren.
Aber ich war ja verpflichtet mich zu bewerben. Frau Sxxxxxx wartete offenbar auf Fehler meinerseits, um mir eine Sanktion
angedeihen zu lassen. Also bewarb ich mich nach bestem Wissen und Gewissen, was bei dem einen oder anderen Personaler sicherlich
zu schmerzhaftem Kopfschütteln geführt haben wird.
Nach einigen Wochen ebbte dieser grobe Unfug ab und ich konnte meine Bewerbungsbemühungen auf eine Erwerbsarbeit mit realistischeren
Erfolgschancen fortsetzen - und gelegentlich ein Ölbild malen.
In der Eingliederungsvereinbarung die ich unterzeichnete stand unter anderem: Bernd Obergassel verpflichtet sich,
alle Möglichkeiten zu nutzen, um den eigenen Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln und Kräften
zu bestreiten ...
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Neben den üblichen Bewerbungen und den gelegentlichen persönlichen Vorstellungen bei hiesigen Unternehmen, begann ich zu überlegen
welche zusätzlichen Möglichkeiten zur Einkommensgenerierung realisierbar sein könnten. Not macht ja bekanntlich erfinderisch.
Am nächsten Tag hatte ich auch spontan eine Idee, die die Möglichkeit in sich trug, der Verpflichtung in der Eingliederungsvereinbarung
zu entsprechen:
Abb. 3: Neue Einkommensquelle
Initialzündung für diese Idee gab ein Vertreter von arcor, der mir zwei Tage zuvor einen Wechsel meines Telefonanschlusses zu
arcor an der Haustür aufschwatzen wollte. Auch die Zeugen Jehovas klingeln nervend häufig um für ihren Glauben zu werben.
Leider brachte diese Idee erst ganze 50 Cent ein :-(
Vielleicht bestellt der ein oder andere Leser ja mal ein Poster / Kunstdruck
oder erwirbt gleich das Original.
Das wäre einträglicher ;-)
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Selbsthilfe, Tafel und Kleiderkammer
Peng, hat es gemacht. Der Bildschirm meines 13 Jahre alten 17 Zoll Monitors blieb dunkel. Wackelkontakte und kalte Lötstellen
habe ich in den Jahren zuvor schon häufiger beseitigen müssen. Nun aber war etwas explodiert und ich hatte noch Glück im Unglück.
Einen Triac hatte es dahingerafft und ich konnte die Aufschrift noch lesen. Das Bauteil, ein BT136-800E, kostete bei Conrad Elektronik
nur 57 Cent. Der Monitor funktionierte nach dem Einlöten wieder perfekt. Gute Elektro- und Elektronikkenntnisse sind
für einen ALG-II-Bezieher von unschätzbarem Vorteil, denn das Geld ist nicht da, alle paar Jahre neue Elektrogeräte zu kaufen.
So ist mein Windows ME Computer (Baujahr 2000, 350Mhz, 128MB Ram), der mir vor Jahren von einem netten Menschen gespendet
wurde, auch heute noch im Einsatz.
Alle paar Jahre kreischt ein CPU- oder Netzteillüfter der trockenläuft. Dann muss der Schraubendreher und das Ölfläschchen her.
Ist es nicht toll, wie Hartz IV die Eigeninitiative stärkt ein Technikmuseum zu erhalten?
Den Einkauf bei der Tafel erwähnte ich ja bereits. Es tröstet einen nicht sehr zu wissen, dass man nicht der einzige
Akademiker in der Schlange der Viktualienausgabe dort ist. Es macht mich eher wütend, dass mittlerweile eine Million Menschen
in Deutschland auf Suppenküchen und Tafeln angewiesen sind. Natürlich bin ich den vielen helfenden Händen dankbar.
Allerdings bin ich der Meinung, es ist würdevoller, mit einem ausreichenden Grundeinkommen im Supermarkt selbst bestimmen zu können, welche
Produkte im Einkaufswagen landen, als ein Resteverwerter der sogenannten Wohlstandsgesellschaft zu sein. Aber diese Entwürdigung ist ja
politisch gewollt. Der Sozialstaat wird zum Almosen- und Suppenküchenstaat umgebaut.
Überwindung kostet es auch in regelmäßigen Abständen in die Kleiderkammern der AWO und der Caritas zu gehen. Es ist ein komisches
Gefühl eine Jeans zu tragen, in die schon jemand anderes reingepupt hat.
Aber eine Levis oder eine Diesel, Jeans die ich gerne trage, kann ich mir heute absolut nicht mehr leisten und so überwiegt
die Freude, gelegentlich eine guterhaltene Jeans in passender Größe für ein paar Euro zu bekommen. Sie müssen lange halten.
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Noch ein weiterer Fallmanager
24. Juli 2008
Tja ... Bewerbungen, Bewerbungen, Bewerbungen ... hier und da mal ein Vorstellungsgespräch - das wars aber auch.
Also wurde ich wieder zur ARGE zitiert und war ein wenig erleichtert, dass das Anschreiben nicht von Frau Sxxxxxx stammte. Es hätte
sonst leicht ein Unglück passieren können.
An der Tür stand: „Bitte nicht klopfen - Sie werden aufgerufen.“ Ich nahm auf einem Sitz neben der Tür Platz.
Nach guten 10 Minuten öffnete sich die Tür und ich wurde hereingebeten.
Diesmal saß mir ein putziges Kerlchen namens Bxxxxx gegenüber. So ein kleiner dunkelhaariger in - na, sagen wir - Kompaktbauweise.
Also, den hätte ich nicht von der Bettkante geschubst ;-)
Durch meine gemachten schlechten Erfahrungen, hatte ich jedoch eine posttraumatische Vertrauensstörung ARGE-Mitarbeitern gegenüber.
Dennoch musste ich ihm erzählen, dass bei mir einige Wochen zuvor zwei dicke Bandscheibenvorfälle im Halswirbelbereich im MRT
(MagnetResonanzTomograf) nachgewiesen wurden. Dazu Prolapse und Protrusionen im Lendenwirbelbereich und ungewöhnlich große
Hämangiome in den Brustwirbeln. Mein Orthopäde sagte mir, dass meine Wirbelsäule gute 30 Jahre älter sei als ich
selbst. Ja, das spürte ich täglich.
Ich war beispielsweise nicht mehr in der Lage eine 10 Liter fassende Wasserschüssel zu heben. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, nur soviel:
Es gab somit Restriktionen bei der Jobsuche. Zum Beispiel waren Montagejobs nicht schaffbar. Ein erforderlicher Umzug nicht zu stemmen usw.
Auch sagte ich meinem Fallmanager, dass die Lesefähigkeit eines Auges in den letzten Jahren verschwunden sei und Computerarbeit dadurch ermüdend wirkt.
Mit sechs Dioptrien war ein Job als Kurierfahrer dadurch auch nicht wirklich sinnvoll.
Verantwortung konnte ich jedoch noch immer tragen. Ein Bürojob, eine 3/4-Stelle oder Halbtagsstelle im Bereich Planung,
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Organisation, Projektmanagement etc. Alles war im Bereich des Schaffbaren. Herr Bxxxxx versprach mir einen Termin beim medizinischen Dienst.
19. August 2008
Der Fallmanager Bxxxxx hatte die Stellungnahme des Arztes der Agentur für Arbeit in Dortmund vorliegen und wollte mit mir ein abschließendes
Gespräch über meine gesundheitliche Leistungsfähigkeit führen.
Stellungnahme? Ach! Ich wurde doch gar nicht befragt! Ich hatte die MRT-Aufnahmen bei mir. Das hatte ich zuvor angegeben. Sie wurden nicht
angefordert. Ja, somit überhaupt nicht angesehen. Aber zu einem Urteil war man gekommen. Ich war mehr als erstaunt.
Aus der Stellungnahme ging hervor: Alle Leiden seien „seelischen Ursprungs“ - also pure Einbildung.
Nun war ich sprachlos. Ferndiagnosen durch paranormale Kräfte sind offenbar doch möglich. Zumindest bei der ARGE Dortmund.
Ich war also fit wie ein Turnschuh und wusste es gar nicht. Klasse. Es gab also gar keinen Grund bestimmte Jobangebote nicht wahrzunehmen.
Ich war begeistert. Also konnte ich alles machen, alles war für mich zumutbar. Ohne Einschränkungen.
Der Vorschlag einer selbständigen Tätigkeit
Aber auch dieser weitere Fallmanager hatte kein Jobangebot für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit
für mich - schlug mir aber vor, mich mit meiner Kunst selbständig zu machen.
Na, ja - irgendwie bemühte ich mich ja so nebenbei darum, wusste aber sehr wohl, dass es nicht einfach würde, damit seinen Lebensunterhalt
zu verdienen. Eine tiefergehende Überlegung war aber es wert, ganz klar. Immerhin hätte es ein Einstiegsgeld gegeben.
Kein Gründungszuschuss, wohlgemerkt!
Mein finanzieller Bedarf für Notebook Software, Werbematerial usw., hätte irgendwo bei
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ca. 1500,- Euro gelegen. Das Einstiegsgeld beträgt ca. 150,- Euro monatlich für ein halbes Jahr, mit Verlängerungsmöglichkeit.
In der Eingliederungsvereinbarung die ich an dem Tag wieder unterzeichnen musste, verpflichtete ich mich zur Teilnahme an einer Veranstaltung
der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dortmund. Diese fand einige Tage später statt. In der schicken Bersworthhalle, nähe Dortmunder Stadthaus.
Na ja, war ganz nett der Vortrag - wie auf der Veranstaltung eines Motivationstrainers. Alles wurde in positiven Worten dargestellt. Natürlich
hoffte die IHK auf zukünftige Mitglieder unter den geladenen Teilnehmern und damit auf weitere Zwangsbeitragszahler. Irgendjemand muss für
die Gehälter der wertvollen IHK-Angestellten ja aufkommen.
Ich erarbeitete anschließend an einem Geschäfts- und Businessplan. Erläuterte mein Konzept und arbeitete einen Kapitalbedarfsplan sowie einen
Finanzierungsplan, eine Ertragsvorschau und einen Liquiditätsplan aus.
Mit der Prüfung schien die ARGE jedoch überfordert gewesen zu sein. Ich solle die Unterlagen zur Erlangung einer Tragfähigkeitsbescheinigung bei
der Handwerkskammer oder der IHK einreichen, ließ man mich lapidar wissen.
Die Handwerkskammer aber sah sich gar nicht zuständig. Die IHK nahm die Unterlagen entgegen. Nachdem ich drei Wochen wartete, erkundigte ich mich telefonisch.
Man sagte mir, dass man nicht für ALG II-Bezieher tätig würde - eine Tragfähigkeitsprüfung sei Sache der ARGE-Dortmund. Das empfand ich ziemlich ausgrenzend.
Drei Wochen Zeit verschenkt.
Folglich setzte ich mich mit der ARGE in Verbindung, die daraufhin ein Amtshilfeersuchen an die IHK sandte.
Im November 2008, als ich bei der IHK anrief, teilte man mir dort mit, dass das Formular für den Gründungszuschuss nicht für das Einstiegsgeld
bestimmt sei. Aber ein Formular für Einstiegsgeld würde es überhaupt nicht geben. Kein Formular - keine entsprechende Bearbeitung. Hallo
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Deutschland! Ein schriftliches Statement wurde mir jedoch zugesagt.
Zu diesem Zeitpunkt redeten mal wieder alle von „Krise“ - es war der Beginn der Finanzkrise. Einer Krise die so kommen musste, wie das Amen
in der Kirche. Aber damit war für mich auch klar, dass die Chancen auf den ersten Arbeitsmarkt zu gelangen nicht steigen würden und ich entschied
mich ein Buch
zu schrieben.
Ein Buch über das Thema wie die Menschen heute ausgenutzt und ausgegrenzt werden. Dabei stellte ich sogleich die Frage, wie zukunftsfähig
unser heutiges kapitalistisches neoliberales Wirtschaftssystem ist, angesichts der starren Dogmen die die anstehenden zukünftigen Probleme
nicht zu lösen vermögen.
10. November 2008
Klar, die Möglichkeit mich aus der Statistik zu kicken, in dem ich eine selbständige Tätigkeit aufnehme, hätte Herr Bxxxxx bestimmt gern genutzt.
Mir war jedoch bewusst, dass meine Kunst zwar die theoretische Chance für den Vollerwerb hergibt - aber erst nach einer langen Anlaufzeit mit
Anfangsinvestitionen für das Marketing.
Mittlerweile bekam mein Fallmanager die Stellungnahme der IHK: Geschäftskonzept kann klappen - oder auch nicht.
Da war ich echt baff. Whow - da wäre ich ja niiieee drauf gekommen. Bei der IHK arbeiten echte Leuchten. Dort einen Job zu bekommen, das
wäre toll. Ich erinnerte mich, dass ich mich bereits ein Jahr zuvor bei der IHK-Dortmund erfolglos beworben hatte. Ich war denen wohl zu clever.
Herr Bxxxxx hätte bezüglich meiner erwogenen Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit gerne mehr Sicherheit gehabt - ich auch. Natürlich hätte
ich mir irgendwo das Geld borgen können um Muster drucken zu lassen, mit denen ich hätte hausieren gehen können. Zum Beispiel in Postershops
ect., aber Fakt ist: Ich bin einer unter 1000den.
Das Anbieten von Postern, Postkarten mit meinen Motiven wird bestenfalls Nebenerwerb mit unregelmäßigen Einnahmen sein.
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Bei einem Flop, so meine Überlegung, wäre ich jedoch nicht nur verschuldet, sondern überschuldet und hätte gleich in die Privatinsolvenz gehen
können - verdient hätten bis dahin jedoch andere. Zum Beispiel die Druckereien. Falls man mir einen Kredit gewährt hätte, auch die Banken.
Na ja, eine Überlegung war es ja wert - mehr aber auch nicht. Die Kunst bleibt dann eben Hobby, etwaige Einkünfte würde ich der Leistungsabteilung
melden, sagte ich meinem Fallmanager.
Die meisten Aspiranten, die sich selbständig machen, scheitern nach der Unterstützungsphase kläglich. Und davon haben wieder
die Meisten auch noch ihren letzten Cent ausgegeben und viele sind obendrein noch verschuldet - so will es das neoliberale System!
Es wird von Unten nach Oben gepumpt. Ich möchte ja nur einmal ganz nebenbei die Finanzkrise erwähnen, die von gierigen, neoliberalen und
zum erheblichen Teil verbrecherisch handelnden Bankern ausgelöst wurde.
Immerhin konnte ich mich den Winter 2008/09 über wieder den Bewerbungen und auch der Kunst widmen. Eine Ausstellung wurde ebenfalls
durchgeführt - soll nur einer behaupten, ich würde untätig sein ... Dies liegt auch nicht in meiner Natur. Ich bin halt nur Erwerbslos!
26. März 2009
Ich wurde wieder „eingeladen“.
Fach- und Führungskräfte wurden nun am Südwall „behandelt“, nicht mehr an der Steinstraße hinter dem Bahnhof, wie die Jahre zuvor. Ein modern eingerichtetes
Gebäude erwartete mich. Im Wartebereich gab es sogar einen Wasserspender.
Um 10:30 Uhr hatte ich mich im Raum 3.27 einzufinden. Ich klopfte an der Tür, lugte in den Raum hinein als ich ein „ja bitte“ vernahm und wurde
gebeten noch kurz draussen zu warten.
Ein paar Minuten später saß ich wieder dem schnuckeligen Kerlchen, dem Herrn Bxxxxx, gegenüber. Aber man darf sich nicht blenden lassen.
Die Fallmanger stehen auf der falschen Seite - auf der Seite des Kapitals - nicht auf der Seite der wirtschaftlich Schwächeren.
Diesmal redete er nicht lang. Sagte, dass meine Jobaussichten sehr bescheiden seien und bei den Konjunkturaussichten auch in absehbarer Zeit
nicht steigen würden.
Deshalb wolle er mich wieder „einer Maßnahme zuweisen“. Neun Monate! vom 1.5.2009 bis 31.01.2010!
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Ich entgegnete, dass ich kein Interesse an einer auch nur irgendwie gelagerten „Maßnahme“ hätte, worauf ich zur Anwort bekam, dass ich gar
keine Wahl hätte. „Ich solle es nicht persönlich nehmen.“
Mein kopfschüttelnder Einwand, was das denn alles den Steuerzahler kosten würde, während Gelder für den Weg in eine
Selbständigkeit so gut wie nicht vorhanden seien, veranlasste Herrn Bxxxxx nur zum Schulterzucken.
Meine Bemühungen aus der Erwerbslosigkeit herauszukommen würde er ja sehr schätzen, aber er sei an die bestehenden Gesetze gebunden,
sagte er ohne einen Anflug von Kompromissbereitschaft erkennen zu lassen.
Haben die Fallmanager ein Glück, dass wir in Deutschland nicht in einer Demokratie leben! So wie in
der Schweiz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einer gelebten Demokratie wie in der Schweiz, die Hartz-Gesetze entstanden sein könnten.
Und selbst in Frankreich würden sie massiv für brennende Autos sorgen. Nur die trägen Deutschen lassen sich demütigen bis zum gehtnichtmehr.
Ok. Außer in Berlin. Da sollen ja wöchentlich Autos der spontanen Selbstentflammung anheim fallen.
Auf meine Frage, was dies denn diesmal für eine Maßnahme sein solle, erklärte mir mein Fallmanager reichlich verschwurbelt etwas von Bewerbungstraining,
2-3 mal im Monat für ein paar Stunden bei dem privaten „Bildungsinstitut Münster“ in Dortmund.
Und druckte bereits die Eingliederungsvereinbarung aus, die er mir anschließend zur Unterschrift vorlegte.
Natürlich fragte ich sofort wieder nach den Konsequenzen, wenn ich dem grundgesetzwidrigen Kontrahierungszwang nicht Folge leisten würde.
Das Verfahren, so sagte er zu mir, wäre ein Verwaltungsakt ohne aufschiebende Wirkung und einer 30 prozentigen Leistungskürzung. Damit würde
ich ja dann weit unterhalb des Existenzminimums liegen. Da ist sie wieder, die Hungerpeitsche - in einem Land des Überflusses. (nur nicht an fair bezahlten
Arbeitsplätzen - die werden sogar weniger)
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Also schrieb ich unter dem erzwungenen Vertrag wieder darunter, dass ich zur Unterschrift wirtschaftlich genötigt worden sei, diese unter Vorbehalt ist
und ich mir sämtlich Rechte auf Schadenersatz vorbehalte. Eben so, wie bei der Eingliederungsvereinbarung vom Februar 2008 (s.o.).
Er störte sich nicht daran.
Er erwartete allen Ernstes von mir blind zu akzeptieren, dass der Träger, in diesem Fall ja „der sogenannte Dritte“
mich irgendwo hin vermitteln darf - dem hätte ich Folge zu leisten.
Diese Arbeitsangebote müssten lediglich zumutbar sein. So stand es in der Eingliederungsvereinbarung.
Aber, so fragte ich mich! Wer beurteilt bei dem Träger, was für mich zumutbar ist? Muss ich meine Krankenakte offen legen? Muss ich meine
Ärzte von der Schweigepflicht entbinden? Kommen auf mich Kosten für Atteste zu?
Muss ich jeden Lohn akzeptieren? Auch bei den modernen Sklavenhändlern, der Leiharbeitsbranche für die der Mensch nur ein Betriebsmittel darstellt?
Und, und, und... Darüber konnte oder wollte mir Herr Bxxxxx keine Auskunft geben. Menschen zu verunsichern, sie im Unklaren zu lassen, das
ist auch eine Methode Menschen zu zeigen wer der Mächtige und wer der Ohnmächtige ist.
Als Herr Bxxxxx die unterzeichnete EGV entgegennahm, meinte er zu mir: „Herr Obergassel, seien Sie damit zufrieden. Die ARGE hat Kontingente
über die Stadt Dortmund für neue Maßnahmen bei den Beschäftigungsträgern eingekauft. Diese laufen bis zu 12 Monaten und sogar noch
länger.“ Er war damit durch mit mir für diesen Tag.
Ich aber noch nicht mit ihm. Und so sagte ich zu meinem ach so gütigen Fallmanager: „Herr Bxxxxx, Sie sind ein Soldat des Neoliberalismus“.
Er schaute mich an und erwiderte ohne zu zögern: „Ja, ich bin ein Soldat des Neoliberalismus.“ Dann klappte er seinen Ordner zu.
Meine Schlussfolgerung: Sie wissen definitiv was sie tun! Und sie tun es ganz bewusst und mit Absicht.
Wo war dieses Land nur wieder hingekommen?
Mittlerweile fühlte ich mich zutiefst traumatisiert. Mitzubekommen wie man uns behandelt, während sich die fetten Geldsäcke die Milliarden nur
so unter den Nagel reißen, das ist psychisch nicht durchzuhalten. Dieser Tage stand in der Tagespresse, dass Psychologen und Therapeuten
überlastet sind und Wartelisten haben. Mir drängte sich die Frage auf: Wie lange lassen wir uns diese Schikanen der ARGEn noch gefallen?
Ich sagte zu mir: Bei der nächsten Demo gegen die ARGE bin ich dabei!
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29. April 2009
Die Zuweisung zu einem privaten Arbeitsvermittler
Post war gekommen von der ARGE. Für den Dienstag den 05. Mai 2009 wurde ich dem privaten Bildungsinstitut „Münster“
in Dortmund, zugewiesen.
Gemäß nach § 37 SGB III darf die ARGE die Hilfe Dritter in Anspruch nehmen um mich in den Arbeitsmarkt unterzubringen. Egal wie.
Und genau dies wurde mit der Zuweisung zu einem privaten Bildungsträger versucht.
Die Parteien hatten vor der Bundestagswahl 2009 stärker als sonst das Ziel die Erwerbslosenstatistik zu schönen.
Durch die neue Zählmethode ab 1. Mai 2009 wurden alle diejenigen, die nun von privaten Dritten betreut wurden, nicht mehr als
Arbeitslose gezählt. Die Statistik wurde also geschönt, der potentielle Wähler über die tatsächliche Zahl der Erwerbslosen getäuscht.
Arbeitslos? Alles nur eine Definitionsfrage.
Klasse, sagte ich mir. Ich war nun offiziell nicht mehr arbeitslos - was für eine Volksverarschung. Und das
tumbe Wahlvolk war schon wieder auf dieses Lügengebäude reingefallen und wählte mehrheitlich neoliberal.
Als ich morgens um 10 Uhr eintraf und im Büro sagte, dass ich „zugewiesen“ wurde und einen Termin bei Herr Sxxxxxxxx hätte, bat man mich einen
Augenblick Platz zu nehmen. So fiel mir auf, dass man sich in der Branche der Erwerbslosenbetreuung gut eingerichtet hatte.
Die finanziellen Mittel schienen schneller und üppiger zu fließen als das Wasser am Niagarafall.
Nach einigen Minuten kam jemand, stellte sich als Herr Sxxxxxxxx vor und bat mich in sein Zimmer. Er sei für die Leitung verantwortlich, eröffnete er das
Gespräch und erklärte die langjährige Geschichte des Bildungsinstituts und dessen Aufgabe: Menschen in Arbeit zu bringen.
Da mich der Herr Sxxxxxxxx ja nicht kannte, durfte ich mich ihm
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erst einmal wieder komplett erklären: Beruflichen Werdegang erzählen, Zeugnisse und Bewerbungen vorzeigen, Vorstellungen und Präferenzen
erläutern, Krankheiten - wie zuvor vermutet - darlegen usw.
Aber irgendwie schien er an Letzterem nicht sonderlich interessiert zu sein und sagte, der Wille zu arbeiten sei entscheidend - trotz aller körperlichen
Unzulänglichkeiten. Dabei hob er demonstrativ seine linke Hand. An ihr fehlten einige Finger.
Er fragte, was denn mein berufliches Ziel sei, was ich denn gerne machen wollte. Ich sagte: Privatier.
Brav notierte er dies, nicht ohne die Augenbrauen betont langsam zu heben.
Anscheinend wollte er mit leichteren Dingen vorlieb nehmen, bemühte seinen Computer und druckte mir einige Stellenangebote
aus. Diese drückte er mir in die Hand und meinte, dass doch sicher etwas hinsichtlich meiner beruflichen Qualifikation dabei sei und er mich
in 14 Tagen wieder sehen möchte um ihm von den Ergebnissen zu berichten.
Die Stellenbeschreibungen passten nicht wirklich. Nur in Teilbereichen. Herr Sxxxxxxxx hatte sich also nicht viel Mühe gegeben.
Erfahrungsgemäß führten diese Bewerbungen nicht zum Erfolg. Aber ich musste mich ja bewerben.
Die Verfolgungsbetreuung zeigte Wirkung - ich bekam langsam Depressionen.
22. Juni 2009
Nun hatte ich einige Sitzungen im 14 Tage Rythmus hinter mir - es schien eine Zermürbungstaktik der ARGE zu sein.
Dann schaute man mal nach, was sich so alles an Stellenangeboten in der Schublade finden ließ, wo von ich mir dann das eventuell passende
heraussuchen sollte.
Dass die privaten Vermittlerleutchen in derartigen überflüssigen Pseudojobs auf Steuerzahlerkosten Geld dafür bekommen, ist eine
große Sauerei!
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Ich fand es irgendwie eigenartig: Es liefen nur junge Leute im Bildungsinstitut herum. Die Erklärung gab ich
mir selbst. Da steckte Methode drin! Denn die jungen Mitarbeiter durchschauten das System offenbar nicht, für das sie tätig waren. Schließlich
waren sie erfahrungslos und „formbar“. Das heißt, leicht zu überzeugen, das das was sie tun, richtig und sinnvoll sei. Selbst wenn es überflüssig
wie ein Kropf ist, oder sie letztendlich für Wirtschaftsinteressen instrumentalisiert werden.
So ähnlich war das ja schon bei der concada GmbH Dortmund. (siehe Kapitel: Der Zwang zur Annahme eines Praktikums)
»(...) die Jugend (...) kann für den Rückschritt missbraucht werden, aber sie glaubt auch dann, der Zukunft zu dienen,
denn die Zukunft, das ist ihre Zeit.«9
06. Juli 2009
Herr Sxxxxxxxx verspätete sich. So musste ich noch etwas warten. Mein Blick fiel auf einen Prospektständer.
„BEST AGER - Der Beschäftigungspakt für Ältere im Revier“, konnte ich dort lesen.
Bochum, Bottrop, Castrop-Rauxel, Dortmund, Gelsenkirchen, Gladbeck, Herne, Marl, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Recklinghausen hätten
sich zu einem „Job-Club“ zusammengefunden, um ältere Arbeitssuchende zu „aktivieren“ und in die Unternehmen zu bringen.
Operative Partner dieses „Job-Clubs“ sind in Dortmund neben dem JobCenter der ARGE auch die caritativen Verbänden und etliche Beschäftigungsträger.
Einer davon mit einer sehr suspekten Bezeichnung: „Gesellschaft zur Förderung der Arbeitsaufnahme“. Alle eint: sie verdienen sich an den
ALG-II-Beziehern dumm und dusselig.
Toll, dachte ich - dann werde ich bestimmt bis zur Rente durch diese Hartz-IV-Mafia betreut.
Super Aussichten!
Bestimmt wird es irgendwann von irgendjemandem ein Buch geben: „Mein Leben in Beschäftigungsgesellschaften“.
Ich fragte mich, was würden die Mitarbeiter der Beschäftigungsträger nur tun, wenn es immer weniger ALG-II-Bezieher gäbe?
Eines Tages müssten sie dann womöglich selbst noch an die Schippe. Ich war sicher, sie würden es zu verhindern wissen.
Sie leben schließlich davon, dass es immer genug ALG-II-
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9 Fritz Klenner, »Das große Unbehagen«, Europa-Verlag, Wien 1960, S. 351
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Bezieher gibt, die sie für das Existenzminimum beschäftigen können. Im Laufe der Zeit ist mir zu Ohren gekommen, dass es gerade im Bereich
der Bildungsträger (eigentlich müsste hier von Pseudobildungsträgern geredet werden, denn das Bildungsniveau ist kaum mehr zu unterbieten)
verstärkt zu Gründungen durch ehemalige Mitarbeiter der Arbeitsagenturen bzw. ARGEn gekommen ist.
Das macht auch Sinn. Sie sind ja tief in der Materie drin, kennen sich mit dem Prozedere wie man an den Geldtropf angeschlossen wird bestens aus
und können bestehende Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern und Vorgesetzten gut nutzen, damit die „Kurse“ voll besetzt sind.
Wenn das keine Gelddruckmaschine ist ...
Mich empfing nach gut zehn Minuten Wartezeit Herr Kxxxx, da Herr Sxxxxxxxx noch auf sich warten ließ. Damit war er bereits der zweite Job-Coach.
Er sagte, dass er mich von nun an betreuen würde, blätterte in seinen Unterlagen rum ohne sich wirklich zurechtzufinden.
Ich durfte somit weitgehend alles wieder von vorne erzählen, damit Herr Kxxxx im Bilde war.
Dann Klapperte er ganz hektisch auf seiner Computertastatur herum und druckte mir ein paar Stellenangebote von der Webseite der Arbeitsagentur aus, schaute
mich fragend aus seinen niedlichen Knopfaugen an umd meinte: „Könnte dies eine oder andere Angebot für Sie infrage kommen?“
Darunter waren zum Beispiel Angebote zum Leistungssachbearbeiter bei der ARGE, Versicherungssach- bearbeiter, Mieterbetreuer ...
DAS mache ich zu Hause doch auch, sagte ich ihm und fragte: Warum werden Sie dafür bezahlt und ich nicht? Worauf er nur ertappt
wirkend lächelte.
Wurde ich für so dämlich gehalten, nicht mit dem Computer Stellenangebote aus dem Internet suchen zu können? Was sollte diese Scheiße?
Ich suchte mir aus dem Angebot ein paar Sachen heraus und das war es eigentlich auch schon. Dafür musste ich in das Bildungsinstitut fahren!
Für mich war und ist dies zutieft demütigend und entwürdigend!
Auf meine Bewerbung zum Leistungssachbearbeiter kam leider eine Absage, übrigens schon nach nur neun Monaten am 27.04.2010.
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Früher hat man die Menschen körperlich umgebracht. Heute werden die Menschen psychisch fertig gemacht.
Wer einige Jahre dieser Tortur der Arbeitsagentur und seiner willfährigen Helfer ausgesetzt war, konnte allein aus diesem Grund für potentielle
Arbeitgeber uninteressant geworden sein. Offiziell hat sich der Begriff „man sei verharzt“ eingebürgert.
Das System schädigt sich also durch diese von den Parteien CDU-FDP-SPD-GRÜNE etablierten Methoden selbst. Heraus kommen entweder
Naivchen oder Frustrierte, wovon Letztere anteilmäßig zwangsläufig zunehmen. Nach der x-ten Zwangsmaßnahme klickert es zunehmend auch
bei den Naiveren.
15. August 2009
Mitte August erschien mein Buch „AUSGENUTZT UND AUSGEGRENZT“ im Schwedhelm-Verlag, Regensburg.
Eine Ankündigung wollte die hiesige Presse nicht drucken. Heute ist mir klar warum. Man scheute das Aufwecken schlafender Hunde - ähh Menschen,
die sich hätten Fragen können, warum sie einen derartigen Unfug finanzieren und gutheißen sollen.
Am vierten August stand in der „Westfälischen Rundschau“, dass Frank-Walter Steinmeier, der Kanzlerkandidat der SPD, davon spricht, dass
bis zum Jahr 2020 vier Millionen neue Arbeitsplätze entstehen sollen. Mir war klar wie das geschafft werden könnte: Mit Dauer-Ein-Euro-Jobs bis zur Grundsicherungsrente!
In meinem Buch „Ausgenutzt und ausgegrenzt“ gehe ich auf das Workfare-Konzept und den dritten Arbeitsmarkt
ein, den unsere „Volksvertreter“ etablieren wollen.
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Exkurs: Die Armutsindustrie:
1.400 Träger- bzw. Beschäftigungsgesellschaften sollen sich im Jahr 2008 laut der ARD Sendung
„Die Armutsindustrie“ vom 15. Juli 2009 neu gegründet haben. Hier hat sich eine ganze Branche aufgebaut, die sich ordentlich durchfüttern
lässt. Mit, wie in der ARD Sendung gesagt wurde, über sieben Milliarden Euro für alle Maßnahmen
und Lohnzuschüssen, stoßen sich alle gesund.
So fährt zum Beispiel der Chef der „Treberhilfe Berlin“, Harald Ehlert einen 430 PS Maserati für über 114.000 Euro als Dienstwagen und privat
einen Jaguar. Von den Einsparungen an öffentlichen Mitteln durch das „sich kümmern“ um Menschen am Rande der Gesellschaft lässt sich
offenbar sehr gut leben. Herr Ehlert nennt diese Einsparungen „Social Profit.“
„Und das man von diesen Einsparungen viele Maseratis kaufen könne.“ 10
Hier möchte ich betonen: Öffentliche Mittel werden natürlich nicht eingespart. Es werden Steuermittel nur anders vereilt um die Taschen einiger
findiger Geschäftsführer gut zu füllen. Herr Ehlert legte sich eine „Dienstwohnung in einer Villa am See“ zu - mit Sauna, Hamam, Whirlpool,
Bootssteg, Seminarpavillon und natürlich mit Personal.
„Sein Jahresgehalt belief sich zuletzt auf 322.000 Euro. Ehlert (...) genehmigte sich als gGmbH-Geschäftsführer 14 Monatsgehälter, insgesammt
183.000 waren es 2006, und 36 Tage Urlaub im Jahr.“ 11
Wem dies alles nicht schnell genug geht, der fingiert mal eben Rechnungen und ergaunert sich so für seinen Lebenstil incl. Porsche mal flott über
eine Million Euro. So tat es ein Dortmunder Niederlassungsleiter der Stiftung Grone-Schule, dem größten privaten Bildungs- und Personaldienstleistungsunternehmen
in Deutschland. 12
Aber das Schlimmste ist: Es bilden sich bestimmte mafiöse Strukturen die sich aus der Strategie, Arbeitsplätze um jeden Preis
_______________
10 Westfälische Rundschau vom 20.02.2010
11 Der Spiegel, 15/2010, S. 34 ff.
12 RuhrNachrichten vom 01.02.2010
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schaffen zu wollen,
zwangsläufig ergeben. Beschäftigungs- und Bildungsträger, Kommunen und auch Leiharbeitsfirmen klüngeln miteinander um Menschen zu instrumentalisieren.
In der Wirtschaft, bezogen auf die (hierarchischen) Strukturen in Unternehmen, redet man von „Structure follows strategy“.
Das heißt, die Strukturen zur Erreichung der Strategieziele, u.a. die Bedürftigen unsichtbar werden zu lassen und, soweit es geht, sie ökonomisch
zu verwerten, bilden sich mithin von ganz allein heraus.
Was bereits in den vergangenen Jahren sichtbar wurde bezüglich der Erwerbslosenverwertung, halte ich vor unserem historischen
Hintergrund, für äußerst bedenklich. Es solle niemand glauben, diese Einrichtungen würden mit ihren Geschäftsführern, Controllern,
Sozialarbeitern und Pädagogen irgendwann wieder vom Markt verschwinden! Was sollen sie denn stattdessen machen?
Sich selbst in der Industrie, die immer weniger Menschen braucht, verdingen und sich möglicherweise bei produktiven Dingen die Hände
schmutzig und schwielig machen?
Etwa sich selbst im Dienstleistung- und Niedriglohnbereich ausbeuten lassen? Oder etwa selbst erwerbslos werden und am Ende nach
Bewerbungskursen, Pseudoweiterbildung, Ein-Euro-Jobs etc. dann „Bürgerarbeit“ leisten müssen?
Diese Leute werden beispielsweise ein bedingungsloses Grundeinkommen strikt ablehnen, bekommen sie
doch für die Erwerbslosenbetreuung weitaus mehr Geld. Die Erwerbslosen sichern ihnen ihr Auskommen!
Sie haben also ein pekuniäres Interesse daran, dass es immer genügend Erwerbslose gibt, die sie durch die Mangel nehmen können. Sie werden
weder ihr eigenes Tun, was als Vorboten existentieller Verteilungskämpfe gesehen werden kann, noch die
Strukturen von denen sie leben in Frage stellen.
Und wenn doch, dann finden sie sich schnell auf der anderen Seite des Lebens wieder. Somit werden sie sich aus Eigennutz als Protagonisten
und gleichzeitig als Claquere dieser neuen Marschrichtung geben. Ich befürchte, derartige Strukturen lassen sich, einmal etabliert, nicht mehr
gewaltfrei beseitigen.
Ende Exkurs: Die Armutsindustrie
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20. August 2009
Nun war ich bei dem dritten Job-Coach gelandet: Herr Mxxx. Man hatte intern umorganisiert, erzählte er mir.
Als ich an dem Tag eine Etage höher als sonst musste, wurde mir bewusst das der Laden aus allen Nähten platzte. Auf drei Etagen wurden
mehrere Unterichtsräume hergerichtet. Jeder Raum war vollgestopft mit modernen Computern mit Flachbildmonitoren und übervoll mit Menschen.
Es ging zu, wie in einem Bienenstock.
Die ARGE Dortmund schiebt offenbar fleißig ab, dachte ich mir. Ist das die neue Bildungsoffensive der Bundesregierung, fragte ich mich
umgehend?
Herr Mxxx eröffnete mir in seinem mit einer Klimaanlage ausgestatteten Raum, dass er zwei Jahre bei der Arbeitsagentur
gearbeitet hat und er „seine Schweine am Gang erkennt“.
Was wollte er mir damit nur andeuten? Mein Buch möchte er natürlich nicht kaufen, sagte er mir. Aber er wünschte mir viel Erfolg.
Natürlich durfte ich ihm meine Lebensgeschichte weitgehend wieder von neuem erzählen - hätte ich doch nur eine Audioaufnahme gemacht bei dem
letzten Job-Coach, dann hätte ich sie ihm vorspielen können. Habe ich aber nicht. Also alles noch einmal. Ich bin ja konziliant.
Er schaute, wie die anderen Job-Coaches auch, konzentriert auf den PC, der für Job-Coaches zu einer Art modernes Orakel geworden zu sein scheint.
Er suchte nach Jobangeboten. Egal welche, irgendwelche. Es galt schließlich mir ein paar Jobangebote für den Heimweg mitzugeben.
Immerhin machte er die Arbeit für mich.
Im Geiste sah ich mich auch schon in einem der schicken, vom Steuerzahler finanzierten, Computerräume Platz nehmen, wenn das mit der
Jobvermittlung nicht hinhaute, was ich wegen der Wirtschaftskrise leicht antizipieren konnte.
Ganz merkwürdig fand ich, dass ich am Abend als ich in mein Log-file schaute um zu sehen wer denn an diesem Tage auf meiner Webseite war,
sehen musste, dass die ARGE mal wieder zu Besuch war. (212.204.77.32*relay12.arbeitsagentur.de) Just eine Stunde nachdem ich diesem Job-Coach
von meinem Hobby - der Ölmalerei erzählte. Auch wenn ich nichts zu verbergen hatte. Etwas Eigenes zu fertigen und zu versuchen Geld damit zu
verdienen halte ich immer noch für recht löblich.
In mir stieg der Verdacht auf, dass ich eventuell einem IM Maulwurf gegenüber gesessen hatte. Die IP weist jedoch nach Nürnberg, nicht nach Dortmund.
Und das IM Maulwurf sich in Nürnberg meldet um zu berichten, dass der Herr Obergassel Bilder über das Internet ausstellt und anbietet, dass mochte
ich nicht annehmen. Wie man heute von der ARGE behandelt wird, macht mich jedoch einfach nur misstrauisch. Aber eben nicht nur mich,
sondern Millionen andere Menschen in diesem Land. So wird die Identifizierung eines Teils der Bürger mit dem Land zerstört.
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02. September 2009
Mit meinen Job-Coach habe ich mich an diesem Tag darauf geeinigt, meinen Bewerbungsunterlagen ein anderes Layout zu verpassen.
Sie sahen nun in der Tat schicker aus - es gibt nicht viel, dass man nicht noch verbessern könnte.
Ich fragte mich, ob mir das Kunti-bunti-Bewerbungslayout wirklich weiter hilft?
Mein Eindruck war, dass es eher zur Arzthelferin die sich bei der Praxis Dr. Knochenbruch bewirbt passen würde.
Aber egal, ich schrieb dann halt meine Bewerbungen mit diesem Layout - jedoch, im Resultat leider auch nicht erfolgreicher.
Übrigens. Am 30. August waren in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen. In Dortmund sickerte am Tag nach der Wahl durch, dass es für das
Jahr 2010 ein Haushaltsdefizit von über 150 Millionen Euro geben wird.
Die Verheimlichung dieser wahlentscheidungsrelevanten Fakten vor der Wahl empfand ich, und mit mir viele Dortmunder, als Wahlbetrug.
Aber bei der SPD wunderte mich eine derart verwerfliche Vorgehensweise nicht mehr. Erwartungsgemäß klagten sogar einige Dortmunder SPD
Rats- und Bezirksvetreter gegen die vom Arnsberger Regierungspräsidenten Helmut Diegel verfügte Wahlwiederholung. Das war nur noch peinlich.
Nur wenige Wochen nach Bekanntgabe des zu erwartenden Haushaltslochs, wurden noch mehr Kürzungen als bisher bei den Sozialleistungen
vorgenommen. Ob in den Museen, dem Zoo, den Hallenbädern usw. - die Eintrittspreise wurden auf breiter Front erhöht. Ausgaben, auch
bei der Jugend wurden gekürzt.
Konsequenz: Noch mehr wegfallende Arbeitsstellen und eine stärkere Ersetzung durch Ein-Euro-Jobber.
Die Beschäftigungsträger durften frohlocken, denn das Motto des ehemaligen Oberbürgermeisters Gerhard Langemeier und dessen Nachfolger
Ulrich Sierau ist: Wirtschaftsförderung ist die beste Sozialpolitik. Denn bei der Wirtschaftsförderung sah man nur alibimäßige Einsparungen vor.
Die Folgen einer neoliberalen, angebotsorientierten Wirtschaftssteuerung sind überall die gleichen: Ein Abbau des Sozialstaats!
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Ich persönlich denke eher so: Eine gute Sozialpolitik ist die beste Wirtschaftsförderung.
Dies ist die andere Seite der Medaille. Ich halte sie für die bessere Wahl.
09. September 2009
Herr Mxxx rief mich am Mittag auf das Handy an, um mir freudig die Botschaft zu unterbreiten, dass in zwei Tagen in Dortmund die jährliche Recruitingmesse
des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) im Kongresszentrum der Westfalenhalle stattfindet. Das war nichts, was ich nicht schon wüsste.
Wie in den Jahren zuvor, brachte der Besuch dieser Messe viel Ertrag: Give aways! - Kugelschreiber, Schreibblöcke,
Gummibärchen und Visitenkarten. Damit ködert man heute Jungingenieure!
Ein Jobangebot für mich war letztendlich nicht dabei drin.
Die diesjährige Recruitingmesse des VDI hatte gute 30 Prozent weniger Aussteller als in den Jahren zuvor - die Wirtschaftskrise
machte sich bemerkbar.
Es wuselten bei dieser Recruitingmesse irre viele Jobsuchende durch die Hallen und stellten verwundert fest, dass sie recht leer waren,
was die Anzahl der präsentierten Unternehmen angeht.
Apropo Jungingenieure. Heißen diese demnächst Jungbachelors und Jungmasters??? Werde diese dann auf Bachelor- und Master-Messen
rekrutiert???
16. September 2009
Einen Tag vor unserem nächsten vereinbahrten Termin, um kurz nach 8:00 Uhr, rief Herr Mxxx an auf dem Festnetz um zu fragen, ob ich auch auf der Messe war und
diesen und jenen Stand der Firmen X und Y etc. gesehen hätte, bzw. mit den und den Leuten gesprochen hätte.
Es war plötzlich wieder in meinen Kopf, das böse nordrhein-westfälische Wort: Verfolgungsbetreuung! Da war sie wieder.
Mir war durchaus klar: Das ist sein Job, dafür ist er da. Dafür wird er bezahlt. Erwerbslose weich zu klopfen. Ich möchte es noch einmal
erwähnen: Auf Steuerzahlerkosten.
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17. September 2009
Ich hatte Halsschmerzen. Eigentlich schon die letzten drei Tage etwas, aber heute besonders. Männer können ja so wehleidig sein.
An solchen Tagen bin ich besonders sarkastisch. Nein. Nicht nur sarkastisch. An solchen Tagen neige ich zum Zynismus.
Als ich vor dem Raum des Job-Coaches Platz nahm, da er noch „Kundenbesuch“ hatte, kam ein Mitarbeiter des Weges und sagte „Guten Morgen“.
Ich entgegnete: „Wenn dieser Morgen gut wäre, säße ich nicht hier.“ „Vieleicht wird er ja noch gut“, meinte der Mitarbeiter etwas irritiert.
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, erwiederte ich, worauf der Mitarbeiter hastig in einem Zimmer verschwand. Ich liebe diese Tage, an denen
ich so zynisch bin.
Zwei Minuten später saß ich Hernn Mxxx, meinem Job-Coach gegenüber.
Ich suchte mir Stellenangebote aus einem Stapel heraus, den mir Herr Mxxx überreichte. Ich wies ihn darauf hin, dass meine Chance irgendwo
als Elektrotechnikingenieur unterzukommen marginal ist, erst recht in der Krise. Mein Wirtschaftsingenieurwesenstudium aber noch recht frisch
ist und ich lieber damit etwas machen würde. Er schien es gar nicht zu hören. Komisch, den Eindruck hatte ich nicht zum ersten mal.
Erst am Morgen hatte ich in den RuhrNachrichten gelesen, dass in den 30 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) für das Jahr 2010 mit 57 Millionen Erwerbslosen
gerechnet wird.
Aber egal. Ich habe das Spiel mitgemacht. Er tat so als hätte ich große Chancen und ich tat so als würde ich ihm glauben.
Das blöde war nur: Er bekam Geld dafür. Ich leider nicht.
Natürlich wollte ich mir wie immer die Fahrkosten bei der ARGE erstatten lassen. Es sind ja nur 15 Minuten Fußweg bis dort hin.
Dort angekommen drückte ich - auch wie immer - einen Knopf an einem Automaten, worauf dieser mir ein kleines Nummernzettelchen ausspuckte.
Ich hatte die Nummer 36.
Als ich anschließend bei der ARGE im Wartebereich saß, traf ich
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dort jemanden aus der Truppe mit der Praktikumsgeschichte.
Er erzählte mir, dass er noch etwas zu klären hätte bezüglich einer einjährigen Weiterbildung inklusive Praktikum. Er freute sich schon darauf
und sagte, die Aussichten auf einen anschließenden Job seien sehr gut.
Wie naiv kann ein Mensch allein eigentlich sein?
Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt und ihm gesagt: Schätzchen, kauf dir mal einen Spiegel und sieh einmal hinein.
Wach endlich auf! So verdunkeln kann man einen Arbeitsraum gar nicht, damit man so jemanden hässliches wie dich
einstellt. Aber das hätte ihm ja auch weh getan. Außerdem wollte ich nicht seine Hoffnung zerstören. Also sagte ich nur: Hui, klasse.
Und war froh, dass seine Nummer kurz darauf auf dem Display erschien und er aufstand. Ich sagte ja, manchmal habe ich zynische Tage.
Aber in der Regel bin ich liebenswert.
27. September 2009
Steinmeier und Müntefering - zwei Architekten der Agenda 2010 wurden bei der Bundestagswahl „geschlachtet“.
Fakt ist aber auch: Fast die Hälfte der Wahlberechtigten wählte „asozial“. Sie wollen offenbar die Welt, so wie sie ist und auch wie sie in der Folge ihres
(mit-) wirkens sein wird: sozial unausgewogen, erzkapitalistisch, egoistisch, rücksichtslos, uneinsichtig - und im Hinblick auf den Klimawandel: suizidal.
01. Oktober 2009
An diesem Tag hatte mir mein Job-Coach ein Stellenangebot von Randstad ausgedruckt. Ich habe ihm erklärt, dass ich diese Leiharbeitsbranche für
schmarotzend halte und das in diesem Dreiecksverhältnis von Arbeitgeber, Verleiher und Arbeitnehmer für mich einer zuviel ist.
Erwartungsgemäß kam dann: „Jaaa, aber so kann man wenigstens wieder einen Fuß hineinbekommen.“ Klar, allein, mir fehlt der Glaube.
Ich gab ihm zu verstehen, dass ich mich als Leiharbeiter nur als Sklave fühlen und seelisch in ein tiefes schwarzes Loch fallen
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würde. Nur mit Happy-Pills wäre es mir möglich, diese Schande, diese Schmach eines zum Lohndumping
benutzten Arbeitnehmers auszuhalten.
„Oh, dann können wir das wohl vergessen“, sagte er daraufhin und suchte rasch nach alternativen Stellenangeboten auf der Webseite von
backinjob.de. Aber so wirklich passende Sachen waren nicht zu finden. Ich erwähnte mal wieder das Wirtschaftsstudium, das bei dem Job-Coach,
wie an den vorangegangenen Terminen auch, vollkommen ausgeblendet zu sein schien. Auch die Alternative, selbst Mitarbeiter im Personalbereich
einer Leiharbeitsfirma zu werden, schlug ich ihm vor. Aus einem mir durchaus nachvollziehbaren Grund, schien ich aber nicht glaubwürdig zu wirken.
Nach Stellenangeboten für Wirtschaftsingenieure zu suchen, vertagte er auf den nächsten Termin.
Mein Fazit: Diese Job-Coaches sind hoffnungslos überbezahlt!
Man muss schon selbst aktiv werden. Aber das bin ich ja bereits seit Jahren - leider nicht erfolgreich.
Ach ja - noch etwas zur Leiharbeitsbranche. Sie selbst spricht lieber von Zeitarbeit anstatt von Leiharbeit, weil Leiharbeit so negativ besetzt ist.
Zeitarbeit klingt einfach neutraler. Selbst hier wird man schon manipuliert.
16. Oktober 2009
Einige Wochen zuvor hatte mich mein Fallmanager Herr Bxxxxx zu einem Termin „eingeladen“. Er wollte einmal wieder mit mir über mein Bewerberangebot
und meine berufliche Situation reden, stand im Anschreiben.
Herr Bxxxxx gratulierte mir zu meinem Buch „Ausgenutzt und ausgegrenzt“ und meinte, dass er, auch im Hinblick
auf die derzeitige Arbeitsmarktlage und mein fortgeschrittenes Alter, keine wirkliche Chance für mich sehe, kurzfristig auf dem ersten Arbeitsmarkt
wieder Fuß zu fassen. Die Frage nach der Anzahl der Vorstellungsgespräche in dem letzten halben Jahr musste ich mit Null beantworten.
Die Münchner Personalberaterin Hildegard Freund sagte der
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Zeitschrift „COMPUTERWOCHE“ (42/09, S. 41): „Wessen Profil nur zu 90 Prozent passt, der erhält meistens keine
Chance.“ Somit konnten wir beide meine Chancen durchaus realistisch einschätzen.
Ich solle mir daher überlegen, ob es nicht sinnvoller für mich wäre, mich vom „Team Selbständige“ betreuen zu lassen, welches es seit gut einem
Jahr gäbe, schlug mir Herr Bxxxxx vor.
Klar, dann wäre er mich los geworden. Schließlich versaute ich ihm seine Erfolgsquote. Da ich wusste, dass auch Freiberufler die sich nicht selbst
tragen können, zu vollkommen fachfremden Weiterbildungen, die angeblich ihre Erfolgschancen verbessern sollen, gezwungen werden, sagte
ich nur zu darüber einmal scharf nachzudenken.
„Wir sind ja nicht unter Zeitdruck. Alternativ gäbe es ja eventuell auch eine geförderte Beschäftigungsmöglichkeit. Im Museum Dinge
katalogisieren und digitalisieren und so.“, meinte Herr Bxxxxx. Er sagte, dass es sich dabei um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
handelte und diese Stelle, die mit 2.300 Euro brutto vergütet ist, im Februar 2010 frei würde.
Ok - im weitesten Sinne ist ja der gesamte öffentliche Dienst mit Steuergelder finanziert, also öffentlich gefördert. Wieso also nicht.
Natürlich musste ich wieder eine Eingliederungsvereinbarung unterzeichnen. Die Vorherige war ja auf Ende September terminiert. Diesmal ließ
sich das pfiffige Kerlchen nicht darauf ein, mich direkt wirtschaftlich zu nötigen falls ich nicht unterzeichne. Er wies lediglich darauf hin, dass die
Eingliederungsvereinbarung andernfalls per Verwaltungsakt aufgezwungen werden würde, mit den mir bekannten Folgen. Das genügte mir jedoch,
um meine Sätze wie bei den vorangegangenen Eingliederungsvereinbarungen hinzuzufügen, da nach einem Beschluss des Landessozialgericht
Nordrhein-Westfalen ein Verwaltungsakt nicht über Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende entscheidet. (L19 B 89/05 AS ER, 11.11.2005)
Mein Buch wollte Herr Bxxxxx natürlich nicht erwerben. Klar, diese Leute wollen nicht daran erinnert werden, dass sie auf Kosten anderer ihren Job
besitzen. Sie haben Angst davor, zu erkennen, in welchem Räderwerk sie als kleines Rädchen in welcher Weise funktionieren.
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Hatte ich bereits erwähnt, dass ich eine paar Tage zuvor eine e-Petition für die Abschaffung der Sanktionen nach § 31 SGB II mitgezeichnet habe?
Meine Stimme wurde vom System unter der Mitzeichnungsnummer 4685 erfasst.
Zu diesem Zeitpunkt hätte die Anzahl der Mitzeichner eigentlich wesentlich höher liegen müssen. Offenbar finden zu viele Menschen
die, oftmals ungerechtfertigte und auch überzogene, Sanktionspraxis der ARGEn als richtig. Ok, ich gebe zu - in den Medien steht ja leider kein
Aufruf zur Mitzeichnung. Und jetzt stelle Dir doch selbst einmal die Frage: Warum eigentlich nicht?
Würde ein Aufschrei hierzulande erst erfolgen, wenn öffentliches Auspeitschen von Menschen durch die ARGEn verordnet werden würde?
Oder würde noch nicht einmal dann sich Widerstand rühren?
Gerade weil die Medien und die Journalie das Spiel seit einigen Jahren unkritisch mitspielen, konnten die neoliberalen Politiker
ganz ungeniert derartige Paragrafen schaffen und, ganz gefahrlos für die eigene Karriere, in die Praxis umsetzen. In den Medien sind dagegen
diese Sanktionspraxis befürwortende Lobbyistenstimmen zu lesen und zu hören. Eine humanistisch orientierte Gesellschaft sieht anders aus.
Gerade die FDP, für die das seit der Finanzkrise ja wohl widerlegte Motto: „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“, immer noch nicht
obsolet geworden ist, forderte mit Eifer noch mehr Malus.
FDP-Generalsekretär Martin Lindner durfte bei der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ am 13. Oktober 2009 sein krudes Menschenbild herausposaunen:
„Wir müssen bei Menschen, die nicht arbeiten wollen, kürzen.“ Die Rede war von 30 Prozent der gewährten Leistungen. Also des Existenzminimums!
Die Frage ist doch nun: Wer testet eigentlich in welcher Weise die „Arbeitswilligkeit“ von Menschen? Ist beispielsweise jemand der sich nicht
von einem Leiharbeitgeber ausbeuten lassen möchte wirklich arbeitsunwillig?
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sagte in einer Studie, dass nur 12 Prozent der Arbeitnehmer gerne zur Arbeit gehen. 13
Wirklich wollen, tun wohl nur die Besserverdienenden. Die meisten anderen wissen das sie müssen und fügen sich.
Der Sprachgebrauch legt es nahe: Tschüss Schatz, ich muss jetzt zur Arbeit. Und nicht: Tschüss Schatz, ich möchte jetzt zur Arbeit.
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13 WDR 5, Lebensart, 15.12.2009
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In der Nacht zum 18. Dezember 2009 wurde der Originalschriftzug „Arbeit macht frei“ vom Eingangstor des KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen
und ein paar Tage später in Polen wiedergefunden. Wäre doch furchtbar gewesen, wenn er verschwunden geblieben wäre. Deutschland braucht
doch schließlich auch etwas identitätsstiftendes.
Wie Lindner, sprach sich auch der Vorsitzende der Wirt-
schaftsweisen, Prof. Wolfgang Franz zum wiederholten mal für eine Herabsenkung des Regelsatzes von 359 auf 251 Euro bei gleichzeitiger
Pflicht zur Annahme einer gemeinnützigen Arbeit aus, mit der sich die Differenz wieder ausgleichen ließe. Auch lehnte er die Einführung eines
gesetzlichen Mindestlohnes ab. 14
Herr Franz ist nur ein weiterer saturierter Beamter auf Lebenszeit der sich lebenslang von der Allgemeinheit durchfüttern lässt und sich in
zynisch verachtender Art und Weise an den sozial Schwächeren vergeht.
Es gibt zwar mehrere sogenannte Wirtschaftsweise aber keine Sozialweisen? Warum? Weil wir in einer Plutokratie leben.
Die selbsternannte Elite in diesem Land beansprucht zur eigenen Motivation ein Bonussystem. Für die arbeitende Klasse
und die Überflüssigen wird dagegen zur Motivation ein Malussystem gefordert.
Und was machen die Intellektuellen im Land? Die vielen Künstler, Schriftsteller, Dichter, Maler usw. So herausgehalten aus dem politischen Diskurs
wie heute, haben sie sich noch niemals. Viel zuhäufig wird nur gegen Mittelkürzung gejammert, viel zuwenig aber die Ursachen thematisiert.
Ist doch irgendwie pervers, oder?
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14 Anne Will, ARD, 10.01.2010
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Exkurs: Wachstum, Wachstum über alles. Über alles in der ...
Und wie in den letzten 40 Jahren heißt es: Wir brauchen Wachstum um Arbeitsplätze zu schaffen.
Der NRW Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der neue Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), auch bekannt als Weinbauminister, und natürlich die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) -
sie alle forderten und fordern Wachstum.
Klar - in den letzten Jahrzehnten sind ja auch trotz eines enorm hohen absoluten Wachstums (Exportweltmeister) so wahnsinnig viele neue Arbeitsplätze entstanden.
Also, wenn - dann waren es eher Arbeitsplätzchen. Oder die Arbeitsplätze waren in der Leiharbeitsbranche angesiedelt oder gleich prekär, also nicht zur Deckung
des Existenzminimuns ausreichend. Das „Normalarbeitsverhältnis“ wurde massiv rückgebaut. Die atypische Beschäftigung nahm zu.
So kommt man dann auch auf eine hohe Beschäftigtenquote.
Einige Wochen nach der Bundestagswahl 2009 wurde von der schwarz-gelben Regierungskoalition recht flott ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“
verabschiedet. 8,5 Milliarden Euro jährlich wurden dafür bereitgestellt.15
In Wahrheit war es ein „Umverteilungsbeschleunigungsgesetz“
was Firmen, Erben und Hotelbetreiber begünstigte, womit sich die FDP in den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt hatte. Allein hierfür haben
sich die Spenden der Wirtschaft für diese Partei gelohnt. Natürlich war es auch ein „Defizitbeschleunigungsgesetz“ das künstlich
Arbeitsplätze heute auf Kosten von morgen sichern sollte.
Im Dezember 2009 wurde zudem vom Kabinett gebilligt, dass im Jahr 2010 die Schulden des Bundes um 85,8 Milliarden Euro steigen sollen. Damit war dies
eine Rekordneuverschuldung.
Alles für ein Wachstum auf Pump! Die schwarz-gelbe Koaltion sah zu, dass die eigene Klientel keine Einbußen erleiden
muss.
Gut, dass die jungen Leute das nicht durchschauten, sonst hätten sie die neoliberalen Politiker dafür umgehend gesteinigt. Obwohl doch eigentlich
einleuchtend ist, dass die Arbeitnehmer von morgen nicht nur die heute geliehenen Summen, sondern auch die
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15 http://meta.tagesschau.de/tag/wachstumsbeschleunigungsgesetz
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Zinslasten dafür eines Tages über höhere Steuern und Gebühren bezahlen und abarbeiten dürfen.
Und wenn es dann durch den Produktivitätsfortschritt wieder zu wenig Arbeitsplätze gibt, macht man mit dieser Vodoo-Ökonomie immer so weiter.
Bis auch diese Blase eines Tages mit einem lauten Knall entgültig platzt.
Und dies alles nur, weil man nicht begreifen will, dass Vollbeschäftigung ein illusorisches Ziel ist. Potemkische Dörfer eben.
Natürlich gibt es unter den vielen Erwerbslosen, und auch Arbeitnehmern, etliche die von der Politik fordern, dass mehr Arbeitsplätze entstehen
sollen. Aber bitte.
Eine hochautomatisierte, arbeitsteilige Industrienation braucht wegen der Rationalisierung eher weniger als mehr werteschaffende Arbeitskräfte.
Es ist doch evident, dass eine steigende Produktivität bei gleichem oder gar rückläufigem Wirtschaftswachstum das Arbeitsvolumen reduziert.
Dadurch müsste eigentlich zwangsläufig die Arbeitszeit reduziert werden, zum Beispiel in Schritten auf 32-35 Stunden/Woche, um gleich viel oder
zusätzliche Arbeitnehmer zu beschäftigen. Das wollen die Neoliberalen jedoch nicht!
Würde man nun aber auf einen Schlag die Wochenarbeitszeit um fünf oder acht Stunden reduzieren, würden sehr viele Arbeitnehmer mit dem
Einkommen nicht mehr auskommen und damit umgehend merken, dass man sie seit etlichen Jahrzehnten um den monetären Ertrag der
Produktivitätssteigerung bescheißt.
Denn statt die gesamte Gesellschaft alternativ zur Arbeitszeitreduzierung durch Reallohnsteigerung und höhere Sozialleistungen an dem Ertrag
des Produktivitätsfortschritts zu beteiligen, haben sich bestimmte Kreise am Rationalisierungsgewinn schamlos bereichert.
Und dazu sollen alle noch fleißig konsumieren, sonst würden noch weniger Arbeitskräfte benötigt.
Jahrhundertelang wurde produziert um die Nachfrage der Menschen zu befriedigen. Heute aber wird künstlich Nachfrage durch viel Werbung
geschaffen, damit immer mehr produziert werden kann. Damit das Wachstum steigt; denn in
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diesem Jahr ein Wachstum genau so hoch wie im
letzten Jahr bedeutet ja: Nullwachstum. Der übliche Produktivitätsfortschritt reduziert das Arbeitsvolumen - und wir sind wieder am Anfang.
(Bitte Abschnitt von Neuem lesen ;-) )
Gesamtmetall-Chef Kannegiesser, der sich schon immer gegen einen Mindestlohn ausssprach, sagte in einem Interview in dem es um die Kritik
an der Exportstärke Deutschlands ging:
„Wenn mein Unternehmen nur für Deutschland produzieren würde, könnten wir den Betrieb jeden Dienstag um
elf Uhr schließen.“16
Auch daher der Zwang immer mehr zu produzieren und für diese Produkte immer neue Absatzmärkte zu erschließen.
In Anbetracht des Klimawandels, des intensiven Ressourcen- verbrauchs und knapper werdender Ölreserven kann noch mehr privater Konsum,
noch mehr Verbrauch, nicht die Antwort auf den Wachstumsmangel sein.
Kurt Biedenkopf, ehemaliger sächsischer Ministerpräsident sprach von einem verfehlten Wachstumsbegriff. Vom Fetisch Wachstum und vom Fehler,
uns mit dem Rechnen in Prozenten einer exponentiellen Entwicklung anzuvertrauen. Es sagte: „Es gibt nur eine Schlussfolgerung. Wir müssen
unseren Lebenstil ändern.“ Und sprach sich für ein Jahrhundert der Bescheidenheit aus.17
Das sogar der als neoliberaler Hardliner und recht konservativ geltende Sozialwissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel in einem Interview
äußerte: „Das Wachstum geht zu Ende“18,
sollte verdeutlichen, dass es Zeit ist, über eine andere Verteilung, Organisation und auch Betrachtung von Arbeit nachzudenken.
Eines haben die Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen im Herbst 2009 gezeigt: Der Klimawandel verlangt erst einmal weniger Konsum und
industrielle Umwälzungen. Einhergehend mit Negativwachstum für viele Branchen und höherer Erwerbslosigkeit. Und deswegen gab es auch
kein nennenwertes Ergebnis bei der Einigung auf bestimmte Klimaschutzziele. Die neoliberale Wachstumslehre ist am Ende mit ihrem Latein.
Sie bietet keine adäquaten Lösungen. Weder in der Frage des Umganges mit Erwerblosen, noch in der Frage der Wohlstandssicherung für
alle Bundesbürger. Sie sichert nur den Wohlstand der Wohlhabenden ab.
Ende Exkurs: Wachstum, Wachstum über alles. Über alles in der ...
_______________
16 Frankfurter Rundschau vom 12.07.2010
17 Der Spiegel, 31/2009, S. 68 ff.
18 Westfälische Rundschau vom 01.12.2009
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22. Oktober 2009
Bei diesem Termin bei dem privaten Job-Coach Herr Mxxx inspirierte mich seine schwarze Jeans und sein weißes Hemd zu der Frage:
„Herr Mxxx, angenommen wir teilen die Welt einmal schablonenhaft in schwarz und weiß - in Wertevernichter und Werteerzeuger. Zu welcher
Kategorie würden Sie sich zählen?“
Selbstsicher, ohne lange zu überlegen entgegnete er: „Zu den Werteerzeugern.“
Unwillkürlich hoben sich meine Augenbrauen bis zum Anschlag. „Welche Werte sollen das denn sein? Heiße Luft?“, forderte ich ihn provokativ heraus.
Herr Mxxx, zeigt sich recht schlagfertig, hob den Kugelschreiber den er in der Hand hielt, ließ ihn langsam zwischen unseren Gesichtern kreisen.
„Ist der Entwickler des Kugelschreibers nicht genauso ein Werteerzeuger wie der Mensch an der Maschine, der den Kugelschreiber produziert?“
„Natürlich, beide sind Werteerzeuger, aber wo ist der Zusammenhang wischen diesen beiden Personen und Ihnen?“, wollte ich mit süffisantem Lächeln wissen.
Herr Mxxx wechselte sichtlich irritiert und unsicher geworden ganz wacker das Thema.
Schlussendlich ging ich wieder mit einigen Stellenangeboten diverser Unternehmen, diesmal mit Schwerpunkt Wirtschaftsingenieurwesen,
die Herr Mxxx im Internet bei verschiedenen Jobbörsen gefunden hat, aus dem Haus.
Natürlich nicht, ohne zuvor den nächsten Termin vereinbart zu haben. Was hat dieser Termin für mich gebracht? Nix! Reine Zeitverschwendung.
19. November 2009
Ich hatte etwas im Internet recherchiert und stieß auf den beruflichen Werdegang meines Job-Coaches Herrn Mxxx bei dem Netzwerkportal Xing.
Von diesem zerstückelten Lebenslauf, mit zwei halbjährigen Beschäftigungen in industriellen Unternehmen und diversen Tätigkeiten
die man sämtlich als unproduktiv (Jargon Thilo Sarrazin) betrachten kann, war ich schwer beeindruckt.
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Nun wunderte es mich gar nicht mehr, warum er lieber dafür sorgt, dass andere Menschen arbeiten sollen, als dass er selbst irgendwelche Werte
schafft. Mit letzterer Begabung schien es wohl nicht weit her zu sein.
Fies, wie ich sein kann, konfrontierte ich Herrn M. mit dem recht aufschlussreichen Profil, wobei er sich offenbar in die Defensive geraten fühlte.
Er wusste, dass ich weiß, dass jemand mit einem derartigen Lebenslauf in der freien Wirtschaft nicht minder chancenlos ist wie ich. Er stand
anscheinend unter Rechtfertigungsdruck, denn er redete plötzlich wie ein Wassserfall.
Er plauderte und plauderte. Ja, es gibt Menschen, die hören sich gerne reden. Herr Mxxx war so einer.
Ich kam mir irgendwie vor, wie ein Psychiater der einen Klienten auf dem Sofa vor sich hat. Er erzählte mir all die Dinge, die ich gar nicht wissen
wollte und ich musste irgendwann das Thema wechseln, sonst wäre mein Hirn mit sämtlichen Einzelheiten seines Berufslebens gefüttert worden.
Anschließend redeten wir wieder über meine erfolglosen Bewerbungsbemühungen. Der Job-Coach schaute wie jeweils zuvor auch ins Internet
nach neuen Stellen und druckte nach kurzer Profilabgleichung einige Seiten aus. Tag gelaufen.
Bei der ARGE musste ich - auch wie immer - fast eine Stunde warten. Ja, es wird allmählich voller. Ja, die Wirtschaftskrise könnte die Ursache sein.
Während des Wartens zählte ich die Wartenden. Acht waren es, einschließlich mir - allein in diesem Wartebereich. Wenn jeder der acht Leute
wie ich eine knappe Stunde zu warten hatte, sind dies gute acht Stunden.
Auch ohne eine genaue Zahl zu nennen: Alle Wartezeit der wartenden Menschen in den Arbeitsagenturen und Arbeitsgemeinschaften zusammen genommen
ergibt sicher eine Gesamtwartezeit von etlichen Jahren. Vollkommen nutzlos verbrachte Jahre! Mit der Zeit gehen
da ganze Menschenleben drauf.
Mit Nachbarn ein Schwätzchen halten oder anderweitig soziale Kontakte pflegen, wäre sinnvoller.
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Ürbrigens stand in der „Zeit“, dass Anfang dieser Woche die Bundesagentur für Arbeit (BA) schon 578 Unternehmen registriert hätte, die
mutmaßlich zu Unrecht staatliche Unterstützung kassiert haben.
Eine vergleichbare Medienkampagne, zum Beispiel der Bildzeitung, wie sie seit Jahren gegen die angeblichen Hartz-IV-Betrüger gefahren wird,
durfte man vergebens erwarten.
17. Dezember 2009
Dies war eigentlich kein Tag um zynisch zu sein. Irgendwie war ich froh, dass mein Magen sich wieder beruhigt hatte. Einige Tage zuvor hatte er
sich über die verdorbene Wurst von der Tafel geärgert, die ich einige Tage zuvor dort in noch tadellosem Zustand bekam.
Aber manchmal wirkt so etwas ein klein wenig nach.
Herr Kxxxx, der Job-Coach bei dem ich einige Termine hatte, bevor Herr Mxxx die Regie übernahm, lief mir über den Weg als ich vor
dessen Raum Platz nahm um noch einige Minuten verstreichen zu lassen die ich zu früh erschienen bin.
Er flötete: „Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen“, worauf ich entgegnete: „Ich mir auch.“
Er schaute ein wenig irritiert, war sich jedoch offenbar nicht sicher ob er sich möglicherweise verhört hatte und überspielte die Situation mit der Frage,
wie viele Bücher ich mittlerweile verkauft hätte.
Leider noch zu wenige, als dass mich das Buch aus dem ALG-II-Bezug befreien könnte. Ich werde wohl nachlegen und ein Zweites schreiben
müssen, antwortete ich. Ja, so langsam zeichnete sich ab, dass mich auch mein Buch nicht aus dem ALG-II-Bezug befreien würde. Es gab schlichtweg
zu wenig Käufer. Ich hätte lieber ein Fußballbuch oder ein Kochbuch schreiben sollen. Das hätte die Menschen viel mehr interessiert. :-(
Nun ja, heute misst sich der Erfolg eines Buches an der Höhe der Auflage und nicht zwangsläufig an dem Inhalt.
Bevor ich anklopfen konnte, öffnete Herr Mxxx die Tür seines Büros. Man begrüßte sich kurz und ging in den Raum hinein.
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Bei den letzten Terminen trug er immer schwarz. Eine schwarze Jeans und manchmal auch ein schwarzes Hemd. Diesmal jedoch nicht.
Er trug eine gut sitzende, seine Figur und Männlichkeit stark betonende, ausgewaschene blaue Levis zu einem himmelblauen Pullover.
Noch bevor er auf seinem Bürostuhl Platz nahm fragte ich: Oh, heute nicht in dem sonst üblichen freundlichen, hellen Schwarz?
Er grinste nur und rang eine Sekunde nach Worten, während ich nachschob: Diese Jeans sieht aber auch seeehr heiß aus! Er bedankte sich brav
und sagte, dass er mit diesem Kompliment durchaus umzugehen verstehe. Er sei da sehr tolerant.
Mittlerweile schätze er die Gespräche mit mir, sagte er. Nun war ich an der Reihe mich freundlich für diese Nettigkeit zu bedanken.
Nein, heute war ich nicht zynisch. Bauchpinselei wirkt.
Als Herr Mxxx meinte, dass er über die Weihnachtsfeiertage mit seiner Familie in Östereich Skiurlaub machen wird, wünschte ich ihm aufrichtig
„Hals- und Beinbruch“.
Die Suche nach freien Stellen war vor Weihnachten, wie üblich um diese Jahreszeit, nicht sehr ergiebig. Mit einem einzigen, vom geforderten Qualifikationsprofil
her nicht optimal passenden Stellenangebot verließ ich das Gebäude. Natürlich nicht, ohne die obligaten Wünsche zu Weihnachten und Neujahr bekundet zu haben.
Ein Weihnachten, welches wie in den Jahren zuvor auch, für mich durch unfreiwilligen Konsumverzicht glänzte.
07. Januar 2010
Mein Jobcoach, heute mal wieder ganz in schwarz gekleidet, so, als ob etwas mit Oma passiert wäre, kam unversehrt aus dem Skiurlaub zurück.
Ohne Hals- und/oder Beinbruch.
Es war an der Zeit zu fragen, wie erfolgreich seine Vermittlungsbemühungen denn bei den anderen ihm zugewiesenen Personen gewesen sind in
dem letzten halben Jahr. „Also, von den gut 20 Akademikern die von Herrn Bxxxxx geschickt wurden, hat es bis jetzt keiner geschafft. Herr Bxxxx hielt die
Wahrscheinlichkeit für einen Vermittlungserfolg bei den ausgesuchten Personen jedoch
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auch für äußerst gering.“, sagte Herr Mxxx sichtlich nachdenklich.
Damit war es für mich eindeutig: Wir wurden nur abgeschoben, damit andere und natürlich auch wir etwas zu tun hatten.
Eigentlich war ich also Arbeitgeber. Ich sorgte dafür, dass die Personaler, mein Fallmanager und mein Jobcoach etwas zu tun hatten.
Hatte irgend jemand ernsthaft etwas anderes erwartet? Der Arbeitsmarkt ist doch seit längerem kein aufnehmender Markt. Er ist ein entlassender
Markt. Besonders in der Krise. An diesem Tag ging ich mit zwei Stellenangeboten nach Hause. Meine Aufgabe: Den Personalern Arbeit geben.
Exkurs: 5 Jahre Hartz IV - Hallo Elena!
Nun haben wir das Jahr 2010. Das Agendajahr 2010! Ist ja irgendwie ein besonderes Datum: Fünf Jahre Hartz IV.
Und ich war dabei. Von Anfang an. Fünf Jahre hartzen! Fünf Jahre, in denen ich überlebt aber nicht gelebt habe. Na Supi. Stolz bin ich darauf nicht.
Es hätte wesentlich besser laufen können.
2010 sei das „Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“, so wurde gesagt.
Angeblich gehört der Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung zu den wichtigsten Zielen der Europäischen Union und ihrer
Mitgliedsstaaten. Tja, sie haben wohl dicke versagt.
Die Bezieher geringer Einkommen sind zweifelsfrei die Verlierer der vergangenen Jahre. Gewachsen ist in Deutschland nur der Anteil der Armen.
Hartz war kein Sozialgesetz. Es war ein Asozialgesetz. Es sorgte u.a. für die Senkung der Sozialleistungen für Erwerbslose und zu einer massiven
Ausweitung des Niedriglohnsektors in dessen Folge es zu einem Kaufkraftschwund für viele Menschen kam, der Konsum stagnierte und sich
der Kostensenkungsdruck der Unternehmen weiter erhöhte. Es war der Eintritt in die Spirale nach unten.
Unfassbar schnell wurden 2009 Rettungsschirme für Banken und Unternehmen aufgespannt - für soziale Sicherheit ist jedoch nach wie vor kein
Geld da.
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Der richtige Schritt wäre gewesen, Erwerbslose nicht als Almosenempfänger oder gar als schmarotzende Leistungsverweigerer zu betrachten,
sondern ihnen einen Rechtsanspruch auf soziale Sicherheit zu geben.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Heiner Geißler zitieren: „In der Welt gibt es Geld wie Dreck. Es ist nur falsch
verteilt.“ 19
Der paritätische Wohlfahrtsverband forderte eine Totalrevision von Hartz IV. Der Hauptgeschäftsführer des
Verbandes, Ulrich Schneider, sagte, Hartz IV ist gescheitert. Annelie Buntenbach vom Gewerkschaftsbund
stellte der Hartz-IV-Reform ein vernichtendes Urteil aus. Auch das Diakonische Werk übte
heftige Kritik. 20
Dennoch konnte man kurz nach dem Jahreswechsel allen Medien wieder entnehmen, wie segensreich die Agenda für den Arbeitsmarkt wirkte.
Die Propagandisten der Agenda 2010 fühlten sich als Heilsbringer, gar als Wohltäter und verkündeten dies in ihren Sprachrohren.
Zum Beispiel der Springer-Presse.
„Menschen, die arbeiten, sind glücklicher als Menschen, die arbeitslos sind. Selbst wenn es nur ein Ein-Euro-Job ist - sie werden wieder
gebraucht.“ 21
Das diesen Instrumenten bestenfalls etwas abzugewinnen wäre wenn die Annahme von Ein-Euro-Jobs, Bürgerarbeit, Leiharbeit, etc. auf Freiwilligkeit beruhte,
dass fand und findet keine Erwähnung, weil die Wirtschaft dieses Druckmittel zur Gewinnsteigerung braucht.
Mit der bestehenden Praxis wird bewusst massiv gegen Artikel 12 des Grundgesetztes und gegen das Übereinkommen der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) bezüglich Zwangs- bzw. Pflichtarbeit, das auch Deutschland schon vor Jahrzehnten ratifiziert hat, verstoßen.
Das ist auch der Arbeitsmisterin Ursula von der Leyen (CDU) bekannt. Nichtsdestotrotz plädierte sie für ein konsequentes Vorgehen gegen arbeitsunwillige
Hartz-IV-Empfänger und Christian Scherney, der Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Dortmund, beeilte sich zu verkünden, dass das Recht in
Dortmund konsequent angewendet wird. 22
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19 Menschen bei Maischberger ARD, 12.01.2010
20 Westfälische Rundschau vom 13.01.2010
21 http://www.welt.de/politik/deutschland/article5837470/Niedrigloehne- Hartz-IV-und-Zeitarbeit-sind-ein-Segen.html
22 RuhrNachrichten vom 12.01.2010
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Wie immer bei solchen Diskussionen, musste auch der stellvertretende CDU-Vorsitzende und hessische Ministerpräsident Roland Koch zeigen,
welch geistes Kind er ist. Er sagte der „Wirtschaftswoche“, es müssten Instrumente eingesetzt werden, „damit niemand das Leben von
Hartz IV als angenehme Variante ansieht“ und forderte eine Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger.
Koch weiter: „Wir müssen jedem Hartz-IV-Empfänger abverlangen, dass er als Gegenleistung für die staatliche Unterstützung einer Beschäftigung
nachgeht, auch niederwertige Arbeit, im Zweifel in einer öffentlichen Beschäftigung.“ 23
Hartz IV ist, so wie es bisher ausgestaltet wurde, Strafe und keine „angenehme Variante“!
Dieser Begriff diente Roland Koch als Aufhänger um das von ihm präferierte Workfare-Prinzip in den Vordergrund der Diskussion zu rücken.
Gleichzeitig diente die Koch'sche Forderung zur Ängstigung und Verunsicherung der noch arbeitenden Bevölkerung. Und dies ganz bewusst und
ganz gezielt und auch nicht zum ersten mal.
Dazu möchte ich Ilija Trojanov und Juli Zeh zitieren: „Angst war seit jeher ein Druckmittel, in Religionen etwa, die mit Fegefeuer und Höllenqualen
drohen, um den Einzelnen zum stummen Ertragen seiner Benachteiligungen zu bringen. Angst ist das wichtigste Instrument von Diktaturen, die
ihre Bevölkerung terrorisieren, um Ausbeutungsverhältnisse zu stabilisieren. Wo Angst zum Mittel der Politik wird, stimmt etwas nicht.“ 24
Die Verursacher der Finanz- und Wirtschaftskrise waren und sind für Herrn Koch natürlich kein rhetorisches Zielobjekt.
Er sagte in Richtung Erwerbslose: „(...) wir haben Menschen, die mit dem System spielen und Nischen ausnutzen“. Jedoch findet er
solche Worte niemals für seine Kaste.
Über diese feine Gesellschaftsschicht, die ohne große Anstrengung Millionengewinne abschöpft und wie selbstverständlich gleichzeitig den
Staat und die ArbeitnehmerInnen ausnutzt, darüber verlor Koch kein Wort.
Und selbst der gewöhnliche Steuerzahler darf Nischen ausnutzen. Ich denke da an den jahrelangen Bestseller „Konz - 1000 ganz
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23 http://wirtschaft.t-online.de/arbeitslosengeld-ii-koch-fordert- arbeitspflicht-fuer-hartz-iv-empfaenger/id_21388122/index
24 Ilija Trojanov, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit, München 2009, S. 88
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legale Steuertricks“.
Ja, es werden sogar Steuersünder geschützt. Mir fallen da gerade die in Hessen weggemobbten erfolgreichen Steuerfahnder ein. Oder das Gezeter, dass man
„unrechtmäßig“ erworbene Datensammlungen über Steuerhinterzieher doch nicht einfach als Beweismittel verwenden könne usw.
Das durch Steuerhinterzieher das deutsche Gemeinwesen so um Milliarden dringend benötigter Einnahmen betrogen wird, stört kaum einen
Minister und einen Ministerpräsidenten Roland Koch erst recht nicht. Die Koalition von schwarz-gelb kann man als Koalition für Schwarz-Geld auffassen.
Ganz ehrlich, die großzügige finanzielle Unterstützung der Bürger und Steuerzahler für Politiker, hätte ich bei so manchem gerne auf Ein-Euro-Fünfzig/Stunde begrenzt.
In das Thema passt auch: Hans-Jürgen Weise, Chef der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, warnte die Politik vor Änderungen bei Hartz-IV-Reformen. „Die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt wäre ernsthaft gefährdet,
wenn wir die Reformen der vergangenen Jahre zurückdrehen würden.“ 25
Welche gute Entwicklung meinte er nur? Und für wen war sie gut? Für die Arbeitnehmer doch wohl nicht.
Auch der Missbrauch bei der Zeitarbeit, Stammbelegschaften gegen Leihpersonal auszutauschen denen Dumpinglöhne gezahlt werden, wurde
von keinem der Herren angeprangert. In Frankreich können Zeitarbeiter durch eine Präkariatsprämie sogar mehr verdienen als die Stammbelegschaft
- aber hier ...
Noch Fragen? Nein, Deutschland ist wirklich kein Ponyhof.
Noch etwas maßlos Perfides hielt 2010 Einzug. Elena!
Der elektronische Entgeltnachweis. In der ursprünglichen Fassung sollte von allen 40 Millionen erwerbstätigen Bundesbürgern
Meldung über Lohn, Abmahnungen, Fehlzeiten, Streikbeteiligungen, Kündigungsgründen etc. an eine
zentrale Datenbank der Rentenversicherung gemacht werden. Hmm ... die Anzahl der Toilettengänge und die Verweildauer ist doch bestimmt
auch noch
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25 WDR 5, Nachrichten, 17.01.2010
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von Interesse. Kommt bestimmt noch, dachte ich mir, als ich von Elena das erste mal hörte.
Aber im Ernst. Hallo! Gehts noch? Wie gläsern soll der Arbeitnehmer noch werden? Ein Zugriff der Arbeitsagenturen auf die Datenbank ermöglicht
nonkonformistische Arbeitnehmer maßregeln zu können, wenn sie irgendwann einmal Erwerbslos werden.
Es ist offenkundig, dass die Feinde unserer Verfassung, und damit unserer Demokratie, Teil unserer politischen und wirtschaftlichen „Elite“
geworden sind. Zweifel? Warum?
Beispiel: Die Sozialstaatlichkeit ist in unserer Verfassung verankert. Die FDP macht aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich, dass sie den
Sozialstaat ablehnt. Damit positioniert sie sich außerhalb des Grundgesetzes. Die FDP sollte folglich vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Ende Exkurs: 5 Jahre Hartz IV - Hallo Elena!
21. Januar 2010
Mein Jobcoach war am letzten Tag der Maßnahme nicht wirklich motiviert. Er plauderte lieber mit mir über „Gott und die Welt“, wie man so sagt.
Als ich das Gespräch auf Deutschlands größten Polarisierer, Roland Koch, lenkte, erzählte er mir von einem Teilnehmer der Herrn Koch eine
Kugel zwischen den Augen wünschte. Nun ja, wenn Wünsche wirken würden, hätten Würmer und Maden bei Herrn Koch schon lange ihre
Schlemmerparty gehabt.
Als ich meinem Jobcoach gegenüber das von mir faforisierte BGE (bedingungslose Grundeinkommen) erwähnte, tat er uninformiert, woraufhin ich ihn mit einigen
kurzen Sätzen aufklärte. Wie zu erwarten war, hatte er an solchen Gedanken kein Interesse und wandte sich wieder seinem Computer zu, um
nach Stellenangeboten zu suchen. Ein Jobangebot druckt er mir lustlos aus.
Bevor er mich verabschiedete und mir alles Gute für meine berufliche Zukunft wünschte, ließ ich mir von Herrn Mxxx die Entgegennahme des
Widerrufs zur Speicherung, Nutzung und Weitergabe der von mir gemachten Angaben und personenbezogenen Daten bestätigen.
Die Einverständniserklärung dazu musste ich ja am Anfang der Maßnahme unterzeichnen.
Dies verwirrte ihn total. „Ja aber ... aber hier im Hause werden alle
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Daten für zwei Jahre aufbewahrt“, stotterte er. „Tja, die hausinternen Gepflogenheiten interessieren mich nicht. Ich habe ein Recht auf
informationelle Selbstbestimmung. Und dieses nehme ich in Anspruch“, ließ ich ihn wissen.
Er unterzeichnete anstandslos, schließlich konnte es ihm selbst ja gleichgültig sein, wie sein Arbeitgeber damit umging.
Was hatten die neun Monate gebracht? Viele Stellenangebote die ich auch selbst gefunden hätte. Viele Bewerbungen, die ich auch ohne Besuch
dieser Maßnahme geschrieben hätte. Resultat: kein Bewerbungsgespräch, kein Job.
2009 gab es den stärksten Anstieg von Akademikererwerbs- losigkeit seit 10 Jahren.
Es war mal wieder eine dieser „Sinnlosmaßnahmen“ der ARGE Dortmund! Sinnlos natürlich nur für die
Teilnehmer.
19. Februar 2010
Wieder zurück zum Fallmanager
Herr Bxxxxx, mein Fallmanager, wollte laut Einladungsschreiben mal wieder über meine berufliche Situation sprechen. Als ich ihm gegenüber saß,
sprach er sein Bedauern darüber aus, dass es dem privaten Arbeitsvermittler nicht gelungen sei mich zu vermitteln.
Auch sah er auf Grund der herrschenden Arbeitsmarktsituation zur Zeit keine reelle Chance für mich und sprach von der bevorstehenden Welle
an ein Jahr zuvor „freigesetzten“ Arbeitskräften, die in Kürze bei der ARGE landen würden. Deren Qualifikation sei wesentlich aktueller. Somit
hatte er kein Arbeitsangebot für mich.
Doch halt - schwupps - hatte er plötzlich ein DIN-A4-Blatt vor sich und sprach von der Maßnahme, die er Mitte Oktober 2009 erwähnt hatte.
Katalogisierung und Archivierung der von Bürgern gespendeten Sachen für das Museum. „Maaaßnaaahme?“, fragte ich lang gedehnt.
Damals war von einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit für 2.300 Euro Brutto die Rede.
Ich sah, wie er sich leicht duckte. „Es ist ja nur ein Angebot. Diese Stelle ist jetzt nur noch eine Arbeitsgelegenheit. Eine Tätigkeit, die sonst nicht
erledigt werden würde“, erklärte er zögerlich.
Schnell fügte er hinzu: „Es ist aber nur eine Option. Es macht keinen Sinn, wenn Sie nicht möchten und anschließend 'krank' werden.“
„Damit muss man rechnen“, sagte ich breit grinsend und erwähnte, dass es doch wohl eine politische Entscheidung gewesen sei die Kosteneinsparungen
bewirken sollte. „Lassen Sie uns heute nicht über Politik reden“, meinte Herr Bxxxxx und legte den Zettel wieder beiseite.
„Was macht denn Ihr Buch?“, fragte er mich. Ich sagte ihm, dass ich in den nächsten Tagen die erste Honorarzahlung erwarten würde.
Mein Fallmanager reckte sich und sein Gesicht strahlte Freude aus. „Oh“, rief er erstaunt. „Dann werden sie ganz
automatisch zukünftig vom Team-Selbständige am Kaiserhain betreut.“ Ich konnte sehen wie er innerlich geradezu jubilierte.
Umgehend griff er zum Telefon um sich von einem Kollegen im Nachbarraum das
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Formular mit der Bezeichnung EKS bringen zu lassen, mit dem Selbständige ihre Einkünfte anzugeben haben.
„Wie hoch wird denn das Honorar ausfallen?“, fragte er neugierig. Die Summe die ich ihm nannte, ließ ihn wieder tief in den Sessel einsacken,
hatte er doch gehofft mich endlich los zu sein.
Die Eingliederungsvereinbahrung die mir anschließend zur Unterschrift vorgelegt wurde, war kurz gehalten wie noch nie und legte meine
Bewerbungsbemühungen für die nächsten sechs Monate incl. Rechtsfolgenbelehrung fest.
Ich unterzeichnete sie lediglich mit dem Hinweis, dass diese Unterschrift unter Vorbehalt erfolgt.
Kurz bevor wir uns verabschiedeten erwähnte und erklärte ich ihm mein neues Kunstwerk. Möglicherweise werde ich auf diesem künstlerischen Gebiet mehr
Erfolg haben, meinte er zu mir.
Installation: Gebändigte Hände
Abb. 4: „Gebändigte Hände“, 2010, 46x36x18cm, Material: Gips, Acryllack, Handschellen, Sperrholz, Rahmen
Jeder kennt die Situation: Man möchte so viele Dinge tun und doch gibt es oft viele Umstände, die die Tatkraft unserer Hände bändigen.
Hinweis: Die Handschellen wurden gesponsort von Pegasus Erotik & Gay Shop, Hamm.
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Auch Sachbearbeiter können nerven
20. Februar 2010
Einen Tag nach meinem Besuch beim Fallmanager fand ich einen Brief in meinem Postkasten. Frau Exxxx, eine Sachbearbeiterin der ARGE
Dortmund, forderte die „Betriebskostenabrechnungen 2005, 2006, 2007, 2008 und sofern vorhanden 2009“.
Ok. Kein Problem. Aber warum schon wieder? Hatte sie doch erst vor acht Monaten alles bekommen. Eine neue Jahresabrechnung ist
noch nicht vorhanden und die alten Dokumente haben sich nicht verändert. Möglicherweise ist ihr Ordner abhanden gekommen, vielleicht
hatte sie nur Langeweile oder aber die Copy-shops klagten unter Umsatzschwund und drohten mit der Entlassung ihrer unterbezahlten Teilzeitkräfte.
Bisher konnte ich mich über die Sachbearbeiter nicht beklagen. Anträge wurden in der Vergangenheit zufriedenstellend bearbeitet. Diesmal jedoch
fühlte ich mich genervt. Wieder die Unterlagen kopieren, Anschreiben tippen, ausdrucken und alles hinbringen - ja, hinbringen. Ich hatte keine
Lust auch noch Porto auszugeben.
Ach ja, das Anschreiben!
Das Anschreiben der ARGE Dortmund lautete:
Sehr geehrter Herr Obergassel,
Sie beziehen laufend Leistungen zur Sicherung Ihres Lebens- unterhalts ... u.s.w.
Das hatte so etwas anklagendes im Ton, fand ich. Der Satz, anscheinend eine Standardformulierung aus dem Anschreiben- repertoire der ARGE,
versuchte meiner Meinung nach mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Ganz klar, dass dahinter Kalkül und Methode steckt. Niemand soll sich
im ALG-II-Bezug geborgen fühlen.
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Ich antwortete:
Sehr geehrte Frau Exxxx,
ich beziehe mich auf Ihre Aufforderung vom 17.02.2010, in dem Sie schreiben:
Dann habe ich die obige Anrede des an mich gerichteten Schreibens wiederholt und angefügt:
Mit Verlaub, Frau Exxxx. Sie auch! Ebenfalls auf Steuerzahler- kosten.
Eine derartig vorwurfsvolle Einleitung stellt nichts anderes als eine Klarstellung der Hierachie dar.
Mir soll verdeutlicht werden, dass ich ganz unten stehe. Vielen Dank. Es gibt sicher besser formulierte Einleitungssätze.
Natürlich wollte ich nicht pampig sein und nur eine kleine spitze Bemerkung machen. Anschließend wies ich sie freundlich darauf hin, dass sie
bereits alle aktuellen Abrechnungen besitzen würde und brachte mein vollstes Verständnis dafür zum Ausdruck, dass Ordner auch einmal
verschwinden können, ich ihr aber gerne nochmals alle Jahresabrechnungen zusende.
Ich habe nichts mehr von ihr gehört.
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Exkurs: Sozialistische Züge und spätrömische Dekadenz
Das Bundesverfassungsgericht hat am 9. Februar 2010 nicht die allgemeine Höhe des ALG II moniert, wohl aber die Pi-mal-Daumen-Berechnung des
Regelsatzes. Diese war also verfassungswidrig und musste nun verfassunggemäß durchgeführt werden. Auch wurde die Bindung des ALG-II-Regelsatzes
an die Rentenentwicklung kritisiert, da der Rentenwert nichts mit dem Existenzminimum zu tun habe.
Schon früh waren einige Politiker dabei zu sagen:
Wir wissen ja was rauskommen soll und rechnen jetzt nun einfach rückwärts. Die sogenannte Reverserechnung! Im Unternehmensbereich geht
man auch so vor, wenn man einen bestimmten Preis nicht überschreiten möchte, zum Beispiel wegen der Konkurrenz. Da man die Energie- und
Materialkosten etc. nicht ausreichend beeinflussen kann und der Gewinn auch konstant bleiben soll, ist oftmals einzig der Lohn der Beschäftigten
eine Variable die man verändern kann - nach unten natürlich.
Der Außenminister Guido Westerwelle und Chefprediger der Ideologie freier Märkte, propagierte als Robin Hood für Wohlhabende den Klassenkampf von oben.
Der Diskussion des Karlsruher Urteils attestierte er „sozialistische Züge“ und sagte: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu
spätrömischer Dekadenz ein.“26
Ein paar Tage später wollte er alle jungen und gesunden aber erwerbslosen Männer zum Schneeschippen zwangsverpflichten. 27
Warum sagte der gelernte Anwalt Westerwelle, der an der Erwirtschaftung des gesellschaftlichen Wohlstands sicherlich noch nie nennenswert
etwas beigetragen hat, solch einen Schmarrn? Warum wurde Hetze vor der NRW-Landtagswahl zum Wahlkampfmittel?
Professor Dr. Helga Spindler, Arbeits- und Sozialrechtlerin an der Universität Duisburg-Essen, sagte der Tageszeitung „junge Welt“: „Die Anhänger
der neoliberalen Weltsicht halten ein System für schädlich, das Menschen, die nicht arbeiten, über ein Minimum an Essen, Kleidung und Unterkunft
hinaus bedarfsdeckend versorgt. Sie geben vor, fest daran zu glauben, dass diese Arbeit finden würden – wenn es ihnen nicht »so gut« ginge! (...) All
diese
_______________
26 Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 12.02.2010
27 Bild am Sonntag vom 21.02.2010
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Ökonomen sehen doch selbst, dass die Wirtschaft nicht genug Arbeit bietet. Deshalb sind sie Verfechter eines Konzeptes, dass der Staat
als Gegenleistung für die Überlebenshilfe Arbeitsgelegenheiten im öffentlichen und sozialen Bereich zur Verfügung stellen muss.“ 28
So äußerte Hans-Jürgen Papier, scheidender Gerichtspräsident des Bundesverfassungsgerichts, gegenüber der Süddeutschen, dass er keine
verfassungsmäßigen Bedenken gegen die in der Politik diskutierte Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger habe.
„Juristisch handelt es sich genau genommen nicht um Pflichten, sondern um Obliegenheiten zur Erlangung einer Leistung”, sagte Papier.
„Und die sind im geltenden Recht durchaus schon vorgesehen. Wer eine zumutbare Arbeit ohne triftige Gründe ablehnt, muss mit einer
Leistungskürzung rechnen.” 29
Ein anderer neoliberaler Geselle, Hilmar Schneider, vom Institut der Zukunft der Arbeit (IZA) legte nach:
„Es führt kein Weg an der Arbeitspflicht vorbei.“ 30
Die Zukunft Deutschlands liegt offenbar in der Vergangenheit!
Es ist aufschlussreich, sich mit der Geschichte des Neoliberalismus und den Aussagen einiger Väter dieser über 70 Jahre alten Ideologie zu befassen.
Beispielsweise mit den Aussagen von Friedrich August von Hayek. Die Regeln des Marktes gelten absolut, Demokratie wird als Störfaktor
und alles Soziale als Teufelszeug betrachtet. 31
Natürlich ist der Satz von Westerwelle: Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet ok. Die Forderung nach einem
Lohnanstandsgebot statt der Forderung ein selbsterkorenes
Lohnabstandsgebot einhalten zu müssen, konnte man von ihm leider nicht erwarten.
Im März 2010 habe ich eine e-Petition für die Einfügung
eines Lohnanstandsgebotes ins Sozialgesetzbuch, eingereicht vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ),
mitgezeichnet. (Mitzeichnungsnummer 1007)
_______________
28 junge Welt, vom 22.02.2010
29 http://www.sueddeutsche.de/politik/339/504550/text/print.html
30 http://www.welt.de/politik/deutschland/article6577056/ Experten-zweifeln-an-Hartz-IV-Plaenen-der-Koalition.html
31 Siehe Bernd Obergassel: Ausgenutzt und ausgegrenzt, Regensburg 2009, S. 9
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Aus der Bekämpfung der Erwerbslosigkeit ist in den letzten Jahren mehr und mehr eine Bekämpfung der Erwerbslosen geworden.
Die Erwerbslosen wurden mit den Ein-Euro-Jobs zu Staatssklaven degradiert.
Da die Jobcenter Ende 2007 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig und damit für unzulässig erklärt wurden, hatte die CDU nun
beschlossen einfach das Grundgesetz zu ändern. Schließlich wollte man das Instrument der schnellen Sanktionierungsmöglichkeit nicht leichtfertig
aufgeben.
Auch ein Guido Westerwelle, dessen Partei bei der Bundestagswahl 2009 von 85 Prozent des deutschen Wahlvolkes nicht gewählt
wurde, weiß, dass es die Schicht der Reichen und der sogenannten Elite war, die im spätrömischen Reich zur Dekadenz neigte.
Die Sklaven waren es definitiv nicht. Und heute ist es doch wohl die Finanzelite, sind es die Spekulanten und Großkapitalbesitzer,
die anstrengungslosen Wohlstand genießen.
Die Plünderung öffentlicher Haushalte bei gleichzeitigen Steuergeschenken und unzähligen anderen Privilegien für Reiche
stehen dabei für die Freiheit des (wohlhabenden) Individuums.
Westerwelle ist, wie viele aus seiner Partei, der FDP, ein neoliberaler Eiferer, ja gar ein Extremist.
Ganz besonders perfide sind die Calvinisten unter ihnen. Der calvinistische Glaube geht davon aus, dass persönlicher Gewinn Gottgefälligkeit im Diesseits
beweise. Diese Denke halte ich für krank. Leider ist sie unter den Wohlhabenden weit verbreitert. Besonders im angelsächsischen Raum.
Der Vorwurf, dass ihr Wohlstand lediglich auf Ausbeutung aufbaut, perlt an ihnen ab wie Wasser von den Blättern der Kapuzinerkresse.
Immerhin gab es jetzt eine Diskussion darüber, ob nicht doch etwas mehr Geld für das Existenzminimum plus kultureller und sozialer Teilhabe
benötigt wird. Weitgehend unter ging eine bemerkenswerte OECD-Studie vom Frühjahr 2010: „(...) bei der Höhe des Lohnersatzes für kinderlose Alleinstehende
oder Ehepaare (...) liegt die Bundesrepublik am unteren Ende der Tabelle
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- auf den Plätzen 22 und 24 von insgesamt 29. Die Gesamtrechnung fällt (...) keineswegs kleiner aus als bei den
Nachbarn. Denn in Deutschland fließt (...) ein höherer Teil der Staatsausgaben in den leistungsverwaltenden Sozialstaat als im
EU-Schnitt.“ 32
Mein Reden! Der Verwaltungsapparat für die Erwerbslosen ist zu groß, zu teuer, zu überflüssig!
Möglicherweise werden sich diese überflüssigen Menschen in diesem aufgeblasenen deutschen Verwaltungsapparat in naher Zukunft mit einem
bedingungslosen Grundeinkommen begnügen müssen.
Ist es doch ein vermeidbarer Ressourcen- und Energieverbrauch, Arbeitsplätze zu schaffen, die überflüssig wie ein Kropf sind. Aber davon lebt ja
gerade ein großer Teil der Wirtschaft. Von unsinniger Energie- und Rohstoffvergeudung!
Ok, negative Einkommenssteuer, Bürgergeld etc. wurden auch bei Neoliberalen diskutiert. Immer jedoch mit einer Koppelung an ein feudalistisches
und damit unzeitgemäßes Drucksystem.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen in dem sich ALG II (Hartz IV), Bafög, Grundrente etc. vereinen, kann hier die nötige Befreiung
aus dem Dickicht der Gesetze, in denen sich die Parteien hoffnungslos verstrickt haben, liefern. Es würde sehr viele
drängende und gravierende Probleme beseitigen, auch wenn durchaus klar ist, dass es auch einige neue Fragen aufwirft.
In den vergangenen Jahren wurde die Notwendigkeit zu einer vollständigen Rundumerneuerung der Sozialsysteme immer sichtbarer.
Der Handlungsbedarf nahm zu. Aber das ein guter Sozialstaat ökonomischen Erfolg auf vielfältige Weise sichert, das werden die Neoliberalen
wohl niemals einsehen, sonst würden sie ja von ihrem Glauben abfallen.
Im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf im Frühjahr 2010, äußerte sich die SPD ebenfalls zum Thema und machte damit deutlich, dass sie das
„kleinere Übel“, aber eben immer noch ein Übel ist. Ein zu großes Übel!
Die nordrhein-westfälische SPD-Landeschefin Hannelore Kraft wollte die Erwerbslosen gemeinnützig für ein symbolisches Entgelt eingesetzt
sehen. Sie sollten in Altenheimen Senioren Bücher vorlesen oder in Sportvereinen tätig werden.33
Frau Kraft wiederholte nur eine alte Forderung der rot-grünen Bundesregierung34
(1998-2005) und machte damit auch deutlich, dass die SPD unbeirrt an schon vor Jahren gesteckten Zielen festhält.
_______________
32 Westfälische Rundschau vom 19.02.2010
33 WDR 5, Nachrichten, 07.03.2010
34 Der Spiegel, 37/2004, S. 75
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Angeblich ginge es (vorerst noch) um Freiwilligkeit. Aber wenn man den dritten Arbeitsmarkt erst einmal gesellschaftlich etabliert hat ...
Kurz darauf durfte dann die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die ehemalige monetäre Hebamme des Landes, von den Jobcentern der
Zukunft schwärmen. (Den Begriff „ARGE“ ersetzte sie in ihrem Sprachgebrauch konsequent durch „Jobcenter“. Auch den Begriff „Hartz IV“ fand
sie „verbrannt“ und suchte nach einem Neuen.)
„Jeder, der das Jobcenter betritt, muss innerhalb weniger Tage ein Arbeitsangebot oder eine Weiterbildung erhalten. Die Angebote müssen Schlag
auf Schlag kommen. Tempo, Tempo, Tempo. Heute meldest du dich arbeitslos - und morgen hast du was zu tun.“ 35
Auch ihr Ziel war: Den Druck auf die Erwerbslosen noch mehr zu erhöhen und den Niedriglohnsektor zu stärken.
Den Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor ging es in den letzten Jahren jedoch auch nicht besser. Der Niedriglohnsektor erlebte einen nie dagewesenen Boom - zum monetären
Segen der Kapitalbesitzer. Die Taylorisierung der Arbeitswelt, heute besonders der Dienstleistungsgesellschaft, ist in vollem Gange.
(Der Taylorismus steht dabei für die Zerteilung der Arbeit in einzelne Teiloperationen. Entwickelt durch Frederik Winslow Taylor
(1856-1915). Die Zerteilung der Arbeit in einfachste Bewegungsabläufe und wenige Handgriffe bei gleichzeitiger Einführung von Leistungslöhnen
heben Rationalisierungsreserven auf Kosten der Arbeiter.)
Bekannte Nachteile der tayloristischen Arbeitsweise, wie schlechte Entlohnung, mangelnde Identifizierung mit der Tätigkeit, dem Endprodukt,
dem Unternehmen oder gar Burnout Syndrome werden durch das Drucksytem der Arbeitsagenturen gefördert.
„Der Arbeitsalltag wird immer belastender - Jobsorgen machen krank“, besagt der Gesundheitsreport 2010 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK). 36
Eine Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) stellte eine Zunahme von Arbeitsunfähigkeiten auf Grund von psychischen Beschwerden fest. 37
Schlussfolgerung: Die neoliberalen Parteien benötigen eine derartige Arbeitswelt zur Erhaltung ihrer eigenen Dekadenz.
Ende Exkurs: Sozialistische Züge und spätrömische Dekadenz
_______________
35 Stern, 9/2010, S. 32
36 Westfälische Rundschau vom 17.03.2010
37 Westfälische Rundschau vom 24.03.2010
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Installation: Neues Medikament: bezahldich - arm Rapid
Die acht Euro Gesundheitsprämie die uns der FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler aufgebrummt hat, inspirierte mich
zu einer künstlerischen und satirischen Installation, zu einem Multiple. Ich kreierte ein »Medikament«.
Name: bezahldich - arm Rapid (Rezeptfrei)
Klar, dass ein Werbetext und ein Beipackzettel dazu gehört.
Werbung
Schlaflosigkeit? Schwindel? Völlegefühl?
Akute Reichtumsschübe, ständig hohe Kontostände,
prall gefüllte Geldbörsen etc. können die Ursache sein.
Auch eine unangenehme wohlstandsbedingte
Hochnäsig- keit (Blasiertheit), Arroganz, Snobismus oder eine gestelzte Artikulation müssen nicht sein.
Vertrauen Sie auf die schnelle Hilfe von
bezahldich - arm
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Rapid

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Akuter Reichtum und erhöhte Kontostände werden umgehend reduziert. Bei regelmäßiger täglicher Anwendung können Hochnäsigkeit
(Blasiertheit), Arroganz, Snobismus und auch eine gestelzte Artikulation beseitigt werden.
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Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage
und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
© Bernd Obergassel, www.obergassel.com
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Gebrauchsinformation
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Rapid

Tabletten
Wirkstoffe: Barzahlung, Überweisung
Zusammensetzung: 1 Tablette enthält 500mg Maisstärke und Cellulosepulver
Anwendungsgebiete
Chronisch hohe Kontostände und akute Reichtumsschübe, beispiels-weise
verursacht durch Unternehmenserträge, Erbschaften, Lottogewinne, Boni, Börsengewinne
etc., werden umgehend gelindert.
Arroganz, Hochnäsigkeit (Blasiertheit),
Snobismus können bei längerem Gebrauch stark reduziert werden. Eine gestelzte Artikulation, deren Ursache mit den zuvor genannten
Symptomen zusammenhängt, kann sich normalisieren.
Dosierungsanleitung
Soweit nicht anders verordnet, wird pro Tag die Einnahme von mindestens 3
mal eine Tablette mit etwas Flüssigkeit empfohlen.
Wechselwirkungen mit anderen Substanzen
Die Wirksamkeit von
bezahldich - arm® Rapid kann
durch alkoholische Getränke, zum Beispiel Champagner etc., erheblich gesteigert werden.
Gegenanzeigen
Verwenden Sie bezahldich - arm®
Rapid nicht bei negativen Konto- ständen und Überschuldung.
Nebenwirkungen
Gelegentlich treten Bewusstseinserweiterungen auf.
Vorsichtsmaßnahmen und Warnhinweise
Der exzessive Gebrauch von
bezahldich - arm® Rapid über
lange Zeit kann zur berüchtigten Dr. Westerwelle’schen spätrömischen Dekadenz führen. Es wird empfohlen das Präparat rechtzeitig
abzusetzen.
Die gleichzeitige Einnahme von bezahldich - arm®
Rapid und alkoholischen Getränken
kann eine Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens bewirken, so dass die aktive
Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen dem Chauffeur bzw.
dem Gärtner, Hausmädchen oder anderem Dienstleistungs- personal übertragen werden
sollte.
© Bernd Obergassel, www.obergassel.com
Ende Installation: Neues Medikament: bezahldich - arm Rapid
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Zwischenzeitlich ...
27. Mai 2010
Bewerbungen, Bewerbungen, Bewerbungen. Die meisten schriftlich, manche telefonisch, gelegentlich auch eine persönliche Anfrage.
Alles erfolglos.
Bemühungen einen Kunstverein im Stadtteil ins Leben zu rufen waren Mangels Interesse anderer Künstler auch nicht erfolgreich. Ansonsten
bemühte ich mich nebenbei meinen Bekanntheitsgrad als „Künstler“ zu steigern.
Das JobCenterARGE Dortmund schickte mir eine Einladung zur 3. Bildungsbörse, bei der sich 70 Bildungs- und Beschäftigungsträger präsentierten.
Gutscheine für Lehrbücher oder Computerprogramme wären mir lieber gewesen. Aber für solch eine eigenverantwortliche Bildungsmethode gibt
es kein Geld. Eine Umschulung zum Investmentbanker oder eine Weiterbildung zum Privatier war leider auch nicht dabei.
Dafür gibt es auf dem Fortbildungsmarkt allerhand Unfug. Nicht genug damit, dass manche Erwerbslose zum vierten mal ein Bewerbungstraining
absolvieren dürfen.38
Nein, sogar das: »Die Bundesagentur für Arbeit bietet Fortbildungen in 'psychologischer Astrologie', Graphologie
und parawissen- schaftlichen Therapien an. (...) „Tatsächlich gibt es diese Qualifizierungsangebote“, bestätigt Ulrich Moritz, Sprecher
der Agentur für Arbeit, Dortmund.«39
Vor meinen Augen sah ich die Welt zu den so unfassbar gut ausgebildeten Deutschen ehrfurchtsvoll aufblicken.
Die Monate Mai/Juni 2010 waren irgendwie sehr ereignisreich:
Man echaufierte sich ganz kurz über „Luxusgehälter“ bei der Arbeitsagentur. »Das berichtete das Magazin
„Focus“ unter Berufung auf ein Gutachten des Bundesrechnungshofes. Außertarifliche Veträge seien mit Monatsgehältern von 5300 bis 7200 Euro
abgeschlossen worden. Hinzu kämen Zulagen, die das Gehalt teils bis zu 10350 Euro ansteigen ließen.«40
Ich nahm mir vor, meinen Fallmanager bei dem nächsten Meeting darauf anzusprechen wo ich mich direkt für solch gut bezahlte Jobs bewerben könne.
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38 Westfälische Rundschau vom 22.06.2010
39 RuhrNachrichten vom 22.06.2010
40 RuhrNachrichten vom 17.05.2010
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Der Wirtschaftsförderungschef, Udo Mager, erläuterte, dass die Stadt Dortmund hofft, 370 zusätzliche Arbeitsgelegenheiten durch das
Bundesarbeitsministerium finanziert zu bekommen. Ab 2011 sollte dies dann „Bürgerarbeit“ heißen und wurde der Öffentlichkeit sogar als soziale Errungenschaft angepriesen..
Der frisch (wieder-) gewählte Oberbürgermeister Ulrich Sierau (SPD) frohlockte dazu: „Arbeit ist genug da. Daran wird es nicht mangeln.“41
Der Umbau unserer Gesellschaft war also in vollem Gange. Ganz gleich wer regiert.
Ende Mai wurde die Idee zur „Bürgerarbeit“ von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) öffentlich propagiert.
Mit einer Verpflichtung und Befristung auf drei Jahre, 900 Euro Brutto/Monat und 30 Wochenstunden, sollten die Kandidaten zwangsbeglückt werden.
Beiträge zur Arbeitslosen- versicherung würden nicht gezahlt.42
Natürlich nicht. Damit man hinterher auch ja wieder auf ALG II Niveau herunterfällt. Einmal Opfer von Fallmanagern, immer Opfer von Fallmanagern!
Eine interessante Aussage zur Effizienz von Arbeitsgelegenheiten:
»Seit 2006 haben das 'Programm' insgesamt 10.500 Hartz-IV-Bezieher durchlaufen. Immerhin 476 Jobbern gelang in den vergangenen Jahren sogar
der Sprung aus einer Arbeitsgelegenheit in ein festes Beschäftigungsverhältnis.« 43
Hmm ... das Wort „sogar“ deutet für mich an, dass man offenbar selbst erstaunt darüber ist, dass es einige in den ersten Arbeitsmarkt geschafft
haben. Das sind gerade mal 4,5 Prozent! Und das mit diesem Riesenmillionenaufwand. Ich war nicht so einfältig
zu glauben, dass die „Bürgerarbeit“ bessere Resultate im Hinblick auf die Integration in den ersten Arbeitsmarkt bringt.
Aber dafür war dieses Instrument auch gar nicht erdacht worden. Genauso wenig, wie die Arbeitsgelegenheit in Entgeltvariante,
die auch sozialversicherungspflichtig ist und eher etwas an die alte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) erinnert: Man arbeitet für einen privaten
Arbeitgeber oder in den vielen eigens gegründeten (g)GmbHs und bekommt gerade so viel Geld, dass es dem ALG-II-
_______________
41 Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 26.05.2010
42 RuhrNachrichten vom 01.06.2010
43 RuhrNachrichten vom 26.05.2010
- 121 -
Satz plus etwas Taschengeld entspricht. Fahrkosten darf man dann selbst tragen - logo! Auch GEZ-Gebühren usw - ist klar. Wenn man Pech hat,
steht man sich schlechter als mit reinem ALG II und darf aufstocken. Der Arbeitgeber dagegen spart Lohnkosten und lässt die Sektkorken knallen.
Angesichts dieser mehrjährigen Entwicklung hin zum Workfaresystem stelle ich die philosophische Frage: Kann Demokratie ohne Freiheit existieren?
Eine andere erwähnenswerte Sache war die Ankündigung Roland Kochs seine politischen Ämter aufzugeben und in die Wirtschaft wechseln zu wollen.
Dies ist einmal mehr der Beweis, dass Menschen mit pathologisch defizitärem Ethikbewusstsein in der freien Wirtschaft äußerst willkommen sind.
Und Volker Bouffier machte sich bereit in Kochs Fußstapfen zu treten.
Auch Horst Köhler, unser Bundespräsident, haute in die Kissen. Seine eigenverschuldete Kündigung führte leider nicht zum Leistungsentzug,
denn bis an sein Lebensende wird er nun gut von uns versorgt. Ohne Furcht vor einer „Sanktionierung“ konnte er es sich daher leisten, aus
„Mangel am nötigen Respekt“ zurückzutreten.
Im Jahr 2009 forderte er noch „einen Markt mit Anstand und Moral“, aber da dieses Amt das eines Grüßaugusts ist, scherte sich halt niemand drum. Die Worte waren nur Opium fürs Volk,
oder besser: Streicheleinheiten für des Kleinbürgers Seele. In die (vorgeschobene) Kritik geriet er mit einer Rede, in der er die Kriege des
Westen in Zusammenhang mit der Freiheit für Wirtschaftsinteressen brachte und das tolerabel fand. Warum der Wirbel? Für einen ehemaligen
IWF-Chef ist das doch eine ganz normale imperialistische Denke.
Für den plötzlich zur Disposition stehenden Job hätte ich mich nun gerne beworben, aber leider läuft das so nicht.
Die schwarz-gelbe Bundesregierung favorisierte selbstverständlich einen pflegeleichten Nachfolger für Horst Köhler aus ihren Reihen.
Die Wahl fiel auf den niedersächsischen Ministerpräsidenten
- 122 -
Christian Wulff. Wir Deutschen kamen damit vom Regen in die Traufe.
Ich erinnere mich noch, wie Christian Wulff in der ARD-Sendung „Anne Will“ vom 13.12.2009, als es um den Vorwurf ging, dass die Krisenverursacher
nicht an den Kosten der Krise beteiligt würden, nur lapidar sagte: „Neid ist die Philosophie des Sozialismus“.
Diesen Bundespräsidenten hätten wir uns irgendwie auch sparen sollen. Ich hatte so eine Ahnung, dass uns die größten Krisen noch bevorstehen
würden.
Ach ja, wir hatten ja bereits wieder „Krise“. Diesmal war es, nach der Immobilienkrise und der Bankenkrise, eine Schuldenkrise. Weder Griechenlands
Verschuldung, noch die anderer europäischer Länder, kam aus heiterem Himmel. Möglicherweise lag der wahre Grund für Köhlers Rücktritt in dem
Bürgschaftspaket der Euro-Länder über 110 Milliarden Euro für Griechenland und dem 750 Milliarden Euro Rettungsfond für die übrigen
hochverschuldeten Euro-Länder.
Ich teile die Ansicht von Ex-Bundesbankchef Karl-Otto Pohl: „Es ging darum, die Deutschen, vor allem aber die französischen Banken vor Abschreibungen zu
bewahren. (...) Daran sieht man, worum es wirklich geht, nämlich um die Rettung der Banken und der reichen Griechen.“44
Selbst wenn das Bürgschaftspaket alternativlos in dieser schlimmsten Situation seit dem Kollaps der Finanzmärkte durch die mutige Nichtrettung
der Investmentbank Lehman Brothers war. Das kurz darauf bekannt gegebene 80 Milliarden Euro Sparpaket der schwarz-gelben Bundesregierung zu Lasten der
„kleinen Leute“ war es definitiv nicht.
Einerseits war es gut, dass endlich begriffen wurde, dass eine immer weiter steigende Staatsverschuldung Krisenpotential in sich birgt, aber die
soziale Ausgewogenheit des Sparkakets war natürlich wieder nicht vorhanden.
Die öffentliche Armut Vieler und der konzentrierte private Reichtum Weniger wurde schließlich nicht moniert.
Wer kam denn eigentlich in den Genuss der erst Ende 2009 beschlossenen Neuverschuldung des Bundes von 85,8 Milliarden Euro?
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44 Der Spiegel, 20/2010, S. 85
- 123 -
Das Forschungsinstitut „Prognos“ ging von einer 25 jährigen Durststrecke aus und errechnete, das das Bruttoinlandprodukt bis 2035 im Schnitt nur
noch ein Prozent pro Jahr wachsen wird.45
Jeder Wirtschaftler weiß nach althergebrachter Lehrmeinung, dass wegen der Produktivitätssteigerung durch Rationalisierung und Automatisierung
ein mindestens doppelt so hohes Wirtschafts- wachstum nötig ist um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.
Die Aussicht irgendwann einmal als Armutsrentner auf Grundsiche- rungsniveau zu enden, fand ich nicht aufbauend, die Angst davor natürlich
anspornend. So kümmerte ich mich wie bereits zuvor intensiv, und sogar intensiver als laut Eingliederungsvereinbarung eigentlich vereinbart
war, um meine Bewerbungsbemühungen.
Schließlich wurde durch die ganze deutsche Medienlandschaft posaunt, dass sich die Wirtschaft wieder in Partylaune befände und
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, der Weinbauminister, sprach dank des kräftigen Aufschwungs schon von einer Boomphase. Dabei
sinnierte Rainer Brüderle sogar von Vollbeschäftigung. Es war wieder Zeit für Sommermärchen. Wirtschaft hat eben auch viel mit Psychologie
zu tun.
_______________
45 Westfälische Rundschau vom 03.07.2010
Wird fortgesetzt!
- 124 -
1 siehe auch: www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24025/1.html 39/2009, S. 116
2 RuhrNachrichten vom 11.05.2005
3 Der Spiegel 39/2009, S. 116
4 Egbert Scheunemann, LIT-Verlag Münster/Hamburg, ISBN 3-8258-7046-4
5 www.transparency.de/Corruption-Perceptions-Index-2.1523.0.html
6 RuhrNachrichten vom 25.11.2009
7 http://presse.verdi.de/pressemitteilungen/showNews?id= 4b77e8e6-5564-11dc-77be-0019b9e321cd
8 http://www.swr.de/report/presse/-/id=2527310/property=download/ nid=1197424/1vzmt4b/index.rtf
9 Fritz Klenner, »Das große Unbehagen«, Europa-Verlag, Wien 1960, S. 351
10 Westfälische Rundschau vom 20.02.2010
11 Der Spiegel, 15/2010, S. 34 ff.
12 RuhrNachrichten vom 01.02.2010
13 WDR 5, Lebensart, 15.12.2009
14 Anne Will, ARD, 10.01.2010
15 http://meta.tagesschau.de/tag/wachstumsbeschleunigungsgesetz
16 Frankfurter Rundschau vom 12.07.2010
17 Der Spiegel, 31/2009, S. 68 ff
18 Westfälische Rundschau vom 01.12.2009
19 Menschen bei Maischberger ARD, 12.01.2010
20 Westfälische Rundschau vom 13.01.2010
21 http://www.welt.de/politik/deutschland/article5837470/Niedrigloehne- Hartz-IV-und-Zeitarbeit-sind-ein-Segen.html
22 RuhrNachrichten vom 12.01.2010
23 http://wirtschaft.t-online.de/arbeitslosengeld-ii-koch-fordert-arbeitspflicht- fuer-hartz-iv-empfaenger/id_21388122/index
24 Ilija Trojanov, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit, München 2009, S. 88
25 WDR 5, Nachrichten, 17.01.2010
26 Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 12.02.2010
27 Bild am Sonntag vom 21.02.2010
28 junge Welt, vom 22.02.2010
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29 http://www.sueddeutsche.de/politik/339/504550/text/print.html
30 http://www.welt.de/politik/deutschland/article6577056/ Experten-zweifeln-an-Hartz-IV-Plaenen-der-Koalition.html
31 Siehe Bernd Obergassel: Ausgenutzt und ausgegrenzt, Regensburg 2009, S. 9
32 Westfälische Rundschau vom 17.03.2010
33 Westfälische Rundschau vom 24.03.2010
34 Der Spiegel, 37/2004, S. 75
35 Westfälische Rundschau vom 19.02.2010
36 WDR 5, Nachrichten, 07.03.2010
37 Stern, 9/2010, S. 32
38 Westfälische Rundschau vom 22.06.2010
39 RuhrNachrichten vom 22.06.2010
40 RuhrNachrichten vom 17.05.2010
41 Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 26.05.2010
42 RuhrNachrichten vom 01.06.2010
43 RuhrNachrichten vom 26.05.2010
44 Der Spiegel, 20/2010, S. 85
45 Westfälische Rundschau vom 03.07.2010
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Nachwort
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Der Autor Bernd Obergassel hat als Erwerbsloser mehrere Jahre Schikanen der Dortmunder ARGE selbst erlebt.
Seine niedergeschriebenen zahlreichen Erfahrungen sind die Erfahrungen von vielen anderen Millionen Menschen in Deutschland.
Sie werden bevormundet, gegängelt, drangsaliert, ausgenutzt und ausgegrenzt. Gesetze die unter der rot-rünen Bundesregierung erlassen, unter
der schwarz-roten Koalition bereitwillig fortgeführt und
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von der schwarz-gelben Koalition verschärft wurden, ermöglichen Arbeitsvermittlern, Bildungsinstituten und Beschäftigungsträgern einen
schikanösen und verachtenden Umgang mit Menschen. Wer nicht von Erwerbslosigkeit betroffen ist, kann oder will sich oftmals gar nicht vorstellen,
was in diesem Land vor sich geht. Die Presse dient heute im überwiegenden Maß nicht der Aufklärung, sondern nur noch der Verschleierung
und Rechtfertigung ethisch fragwürdiger Methoden im Umgang mit Arbeitnehmern und Erwerbslosen. Das Ausmaß der Manipulation und der
Hetze der Medien gegen Teile der deutschen Bevölkerung kommt mittlerweile dem des Dritten Reiches sehr nahe.
Eine Wirtschaft mit Anstand und Moral, wie vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler 2009 angemahnt, ist nicht in Sichtweite.
Arbeitskräfte werden zunehmend zueinander in Konkurrenz gesetzt um den Druck an allen Fronten zu erhöhen.
Die Kapitalbesitzer dagegen fordern ihre vertraglich zugesicherten Renditen aus Verträgen, deren Modalitäten sie selbst festlegen.
Wir befinden uns in einem Krieg - es ist ein Verteilungskrieg. Untermauert und gerechtfertigt von einer neoliberalen Ideologie.
Zivilisatorischer Fortschritt sieht anders aus.
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